eventualpsychologie

es könnte so ein…oder ganz anders.

6. November 2011
von ponyq
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Broken Places – nicht nur in der Stadt

Ein neuer Kindergarten, vielmehr eine Kindertagesstätte… zusammen mit einer Freiwilligen Ganztagsschule in den renovierten Gebäudekomplex der Grundschule integriert… samt neu gestaltetem Schul-(Spiel)hof, inklusive einem kleinen, aber luxuriösen Bolzplatz mit Bande und Kunstrasen… viele schöne Spiel- und Turngeräte… außerhalb der Unterrichtszeit auch ein reges Vereinsleben in der kürzlich renovierten Schulturnhalle und bestimmten Schulräumen… aus der ehemaligen Hausmeisterwohnung hinter der Schule ist ein Jugendraum geworden… alles in allem: ein Vorzeigeprojekt in Sachen „Dorfentwicklung“ .

Über die Straße, am alten Pfarrhaus vorbei, hinter Kirche, Dorfhalle und Fußballplatz: das alte Kindergartengebäude…

…umgeben von einem kleinen Wäldchen, Wiesen, Büschen und spärlich beleuchteten Wegen, auf denen sich jetzt im Herbst das Laub sammelt und die beim Schneeräumen im Winter meistens vergessen werden.
Hinter dem Kindergarten, umrandet von Gestrüpp und einem inzwischen recht durchlässigen Zaun, liegt der alte Spielhof mit unbeachtet vor sich hin zerfallenden Spielgeräten.


Der Ort hat zweifellos eine eigene „Atmosphäre“… so viele Geschichten, die zum Teil  noch in Form vergilbter Bastelarbeiten in den sonst leeren Fenstern hängen.


Zentral – und verlassen: Außer gelegentlich ein paar Kirchgängern oder Kindern auf dem Schulweg kommen wohl seit der Einweihung des neuen Kindergartens nicht (mehr) viele Fußgänger dort vorbei. Eine Schranke hält Autos fern.

An der überdachten Eingangstreppe oder am etwas abgelegeneren Seiteneingang mit Blick auf den alten Spielplatz treffen sich  – phasenweise sehr regelmäßig – ein paar Jugendliche, vermutlich aus dem Dorf.
Meistens zeugt von ihrer kürzlichen Anwesenheit vor allem der Müll, der danach (für Wochen) in den betreffenden Bereichen liegenbleibt. Manchmal hört man sie bis spät in die Nacht lachen und gröhlen.
Auch eine Fensterscheibe ist irgendwann einmal zu Bruch gegangen – vielleicht haben die Jugendlichen randaliert oder es war ein gezielter Einbruchversuch ?

Über der zerbrochenen Scheibe hängt jetzt ein Pappschild:
„Privateigentum – Keine Parties !!!“

Passt -alles:
Vom lieblos hingeschmierten Schild (“Privateigentum – keine Parties”) über die abgefallene Wand bis zu den Partyresten… Und wird in der Psychologie im Rahmen der „Broken-Windows“-Theorie erklärt.

Kurz: Der oben beschriebene Ort kommuniziert mit vielen Hinweisreizen bestimmte Werte und Normen, und legt damit bestimmte Verhaltensweisen nahe, die in diesem Rahmen passend und akzeptabel sein könnten. (vgl. Deutungsrahmen)

Und natürlich zieht er Jugendliche an, die sich mit den an anderen Orten vermittelten Werten nicht identifizieren können oder wollen und entsprechende Rückzugsmöglichkeiten suchen:

„Bei ihrer Suche nach neuen Orten für kulturelle, soziale und sportliche Aktivitäten stoßen Jugendliche oft auf brachliegende Grundstücke, die ihnen vielfältige Möglichkeiten zur Raumaneignung bieten, und auf denen sie sich ungestört entfalten können.“

( Stephanie Haury:  Junge Impulse für die Stadtentwicklung. Das ExWoSt-Forschungsfeld „Jugendliche im Stadtquartier“ .BBE-Newsletter 5/2011 )

Vorschlag für vermutlich wenig zeit- und kostenaufwändige „Sofortmaßnahmen“:
Werte kommunizieren und Anwesenheit demonstrieren.

1. Werte kommunizieren:
Warum nicht ein paar informierende Texte an passenden Stellen anbringen, die etwas über das Gebäude erzählen:

  • Wann und unter welchen Umständen wurde das Gebäude gebaut?
  • Wie wurde es im Laufe der Zeit genutzt?
  • Wie viele Kinder sind dort „durchgegangen“?
  • Und – wenn es aktuelle Bezüge oder interessante Geschichten dazu gibt: Wo sind einige davon inzwischen gelandet?
  • Warum wurde der Kindergarten geschlossen?
  • Welche Pläne gibt es für das Gebäude?
  • Warum wurden die Spielgeräte nicht ab- und an anderer Stelle wieder aufgebaut ?
  • Warum wurde der Spielplatz nicht offiziell erhalten und allgemein zugänglich gemacht?

Damit ließe sich eine bestimmte Wertschätzung des Ortes ausdrücken und fördern… nicht nur bei den „Störern“, sondern auch allgemein in der öffentlichen Wahrnehmung des Ortes.
Auerdem könnten solche Informationen persönliche Bezüge aufzeigen, herstellen, in Erinnerung rufen… (viele Jugendliche kennen den Ort wahrscheinlich aus der Kindergartenzeit)

2. Anwesenheit demonstrieren:
Warum nicht die Innenseiten der Glastüren zum Aufhängen von Veranstaltungshinweisen nutzen – möglichst mit Bezug zu den Jugendlichen ? Es gibt im Umfeld der Gemeinde sehr aktive Jugendzentren, die recht regelmäßig z.B. Konzerte und andere Aktionen veranstalten… Auch in den Dorfhallen und im zentralen Kulturzentrum oder in benachbarten Gemeinden gibt es entsprechende Angebote… Wenn die Hinweise regelmäßig aktualisiert werden, wird damit auch deutlich gezeigt, dass das Gebäude nicht gänzlich “verlassen und vergessen“ ist.
Warum nicht die zuständigen „Privatbesitzer“ als Ansprechpartner für diesbezügliche Fragen („Kann dort dieses Plakat aufgehängt werden?“) und Rückmeldungen angeben – mit Bild und Kontaktmöglichkeit ?

Für die Sammlung weiterer Ideen und Vorschläge steht das Eventual-Team gerne zur Verfügung.

Informationen zu anderen, umfangreicheren Maßnahmen, die an dieser Stelle für, mit oder gegen die Jugendlichen getroffen werden könnten:

 

Community-psychologischer Klassiker  zum Thema
(via @Sascha Becker):

Perkins, D., Florin, P., Rich, R.C., Wandersman, A. & Chavis, D.M. (1990). Participation and the social and physical environment of residential blocks: Crime and community context. American Journal of Community Psychology, 18 (1) , 83-115.

Bild 1

23. Oktober 2011
von Sascha
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Das Märchen vom bösen Netz und der armen Kommunikation

 

Ach, was muß man oft von bösen

Netzen hören oder lesen…

Woher kommt eigentlich die anscheinend immer noch verbreitete Auffassung, daß Kommunikation im Netz irgendwie einsam machen soll. Oder generell gegenüber dem guten alten Face-to-Face-Plausch abstinkt ? Und stimmt das denn ? Mal gucken:

 

Behauptung: Das Netz macht einsam

Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis…

Naja, eigentlich war´s erst vor ungefähr 15 Jahren und auf diesem Planeten, aber in der Rückschau kommt es einem schon manchmal so vor. Da kam nämlich dieses Internet so langsam in die Puschen und wurde für die Masse der Leute außerhalb von Nerd- und Geek-Kreisen einigermaßen handhabbar. Und wie so oft bei neuen Technologien waren die Nutzer erst einmal fasziniert. Wenn die tumbe Masse aber von etwas dermaßen begeistert ist, dann kann das ja nur schlecht sein, denkt der bisher unbeteiligte Wissenschaftler. Ist so eine Art Reflex. Weil der Mensch an sich eigentlich immer nur das richtig gut findet, was seiner Gesundheit, in diesem Fall seiner psychischen, schadet.

The Internet Paradox nennen Kraut, Patterson, Lundmark, Kiesler, Mukophadyay und Scherlis 1998 folgerichtig ihre Veröffentlichung der Untersuchung mit der Frage “A social technology that reduces social involvement and psychological well-being ?“. Das Paradoxon soll also darin bestehen, daß eine Technologie, die sich selbst als sozial bezeichnet, soziale Verarmung und psychische Nachteile mit sich bringt. Stattgefunden hatte die Untersuchung schon ein bis zwei Jahre vorher, als vom Web 2.0 noch überhaupt keiner geredet hat und Social Media noch nicht einmal andeutungsweise in der heutigen Form existierten. Die Untersuchung war methodisch sauber angelegt, Längsschnittdesign. Als Maße der sozialen Eingebundenheit wurden die Kommunikation innerhalb der Familie, die Größe des sozialen Netzwerks und soziale Unterstützung erhoben. Das psychische Wohlbefinden wurde als Ausmaße von Einsamkeit und Depression operationalisiert.

Ergebnis: Katastrophal. Wer im Netz unterwegs war, sprach seltener mit seiner Familie, fühlte sich einsamer und war depressiver. Kraut und Kollegen schlußfolgerten insgesamt, daß Internetnutzung soziale Eingebundenheit und psychisches Wohlbefinden negativ beeinflussen. Und zwar kausal.

Allerdings bedachten die Autoren lobenswerterweise auch mögliche Alternativerklärungen und so schoben Kraut, Kiesler, Boneva, Cummings, Helgeson und Crawford 2002 eine Replik der Untersuchung von 1998 hinterher: The Internet Paradox Revisited . Und siehe da: sie konnten die ursprünglich negativen Befunde im Wesentlichen nicht mehr replizieren. Als Begründung für diese Tatsache gaben sie an, daß sich das Netz in der Zeit seit der ersten Erhebung verändert hat: mehr Verwandte und Freunde sind auch online, neue Beziehungen zu knüpfen ist in den Hintergrund gerückt. Wichtiger ist der Erhalt bestehender Beziehungen über das Netz. Das ist auch plausibel. Bedenken nochmal bitte: das war zu Zeiten von Foren, E-Mail, IR-Chats, Newsgroups usw.

Diese soziale Hauptnutzung des Netzes, das “Management” bestehender Beziehungen, ist bis heute in vielen weiteren Untersuchungen bestätigt worden und gilt auch noch in Zeiten des Web 2.0. Ein weiterer Mythos, der immer wieder hochkocht, sollte damit auch ad acta gelegt werden: die Unterscheidung zwischen Offline- und Online-Beziehungen !

Es wurde gelegentlich argumentiert, soziale Beziehungen würden schon deshalb verarmen, weil unheimlich viel Zeit für das Sitzen vorm PC draufgeht, die sinnvoller in Gespräche mit Freunden und Familie investiert wäre. Nach dieser Argumentation dürften wir auch keine Bücher mehr lesen, weil das so extrem unkommunikativ und genauso verzichtbar ist. Studenten wären durch die Bank sozial pleite.

Und wie sieht´s denn so aus in Zeiten von Social Media ? Ganz aktuell haben Hampton, Goulet, Rainie und Purcell (2011) im Rahmen des Pew Internet & American Life Project eine repräsentative Studie zu Social Networking Sites, insbesondere Facebook, und deren Zusammenhang u.a. mit persönlichen Beziehungen durchgeführt. Stichprobengröße: N = 2255.

Ergebnisse: Social Media-Nutzer waren mit einer wesentlich geringeren Wahrscheinlichkeit sozial isoliert als Netz-Abstinenzler: Sie hatten im Schnitt 2,45 enge persönliche Beziehungen (gegenüber 2,16 bei Netz-Nichtnutzern); die Häufigkeit der Facebook-Nutzung stand auch im Zusammenhang mit einem größeren sozialen Kernnetzwerk. Der “durchschnittliche” Facebook-Nutzer hatte 48 % seines gesamten sozialen Netzwerks in seiner Kontaktliste, nur etwa 7 % der Facebook-Freunde waren reine Online-Beziehungen (s. Argumentation oben). Auch war das auf Facebook versammelte soziale Netzwerk viel bunter als bei Abstinenzlern. Daraus wurde gefolgert, daß die Nutzung in einem höheren sozialen Kapital als bei Offlinern mündet. Also alles andere als trübe Aussichten.

“Das Netz/Facebook/Social Networks macht/machen….” einsam oder doch eher glücklich ? Nein, sie “machen” erstmal gar nichts. Und dabei wären wir bei dem Aber zu den bisher positiven Erkenntnissen: plausiblerweise haben viele Forscher, die sich mit dem Thema beschäftigt haben, auch die Frage gestellt, wer denn jetzt genau von den potentiellen sozialen Segnungen des Netzes profitieren könnte. Sie haben in zwei Richtungen geschaut: sozial eher gehemmte Menschen könnten dieses “Manko” im Netz irgendwie ausgleichen. Oder ist es eher so, daß Leute, die sowieso schon Mittelpunkt jeder Party sind, im Netz sogar noch den Nachbrenner einschalten ? Social compensation – Modell (vgl. Bargh & McKenna, 2004) vs. rich-get-richer-Hypothese (z.B. Kraut et al., 2002). Die Ergebnisse zeigen in der Tendenz gegen “das Netz macht…” und zusätzlich: Schüchterne Individuen werden nicht glücklicher, aber auch nicht unbedingt unglücklicher und tatsächlich profitieren weniger Schüchterne eher. Das sollte aber nicht überraschen. Netzleben ist eben das gleiche Leben wie sonstwo, nur mit anderen Mitteln.

 

Behauptung: Netzkommunikation ist verarmte Kommunikation

Der Klassiker. Bezugspunkt ist natürlich die Face-to-Face-Situation, die soll alleinseligmachend sein. Da hält sich bis heute vor allem eine kommunikationstheoretische Vorstellung, die mit den Merkmalen des Mediums Internet zu tun hat: Das Kanalreduktions – Modell (z.B. Winterhoff-Spurk & Vitouch, 1989)

Face-to-face-, Offline-, Real-Life-Situation. Synonyme für das, was als vollständigste und damit erstrebenswerteste Form des menschlichen Umgangs miteinander gelten soll. Alles andere ist dann schon von sich aus defizitär. Davon geht das Kanalreduktions-Modell aus. Netzkommunikation spricht nicht alle Sinneskanäle an, mit denen uns die Natur ausgestattet hat: Riechen, Schmecken und Berührungen sind (noch) außen vor, der ganze nonverbale Teil fehlt. Das soll Konsequenzen haben: wir verarmen psychisch und sozial in unserer Kommunikation, wenn das Gegenüber nicht direkt vor uns steht. Irgendwie geartete Ausgleichsmöglichkeiten werden uns nicht zugestanden. Basta. Und außerdem hat das die Evolution nicht so gewollt.

Moment: Face-to-Face soll die Idealform der Kommunikation sein ? Also fehlerfrei ? Interessant, wenn man bedenkt, wieviel Blödsinn auf dem Weg vom Sender zum Empfänger und auch schon vor- und nachher passieren kann. Mißverständnisse, Fehlinterpretationen von non- und paraverbalen “Botschaften”. Da hat´s schon Kriege gegeben.

Im Grunde geht es darum, daß der Transport emotionaler Botschaftsanteile nicht möglich sein soll. Überprüft (und bestätigt) hat man das Kanalreduktionsmodell übrigens durch Untersuchungen an ad hoc zusammengestellten Arbeitsgruppen, deren Mitglieder sich vorher nicht kannten und die eine reine Arbeitsaufgabe unter Zeitdruck zu erledigen hatten. Ausschließlich unter Verwendung von Textkommunikation. Die Kommunikation blieb äußerst sachbezogen und unemotional (z.B. Connolly, Jessup & Valacich, 1990). Wen wundert´s ? Und nun: finde den Fehler.

Vieles an Austausch wird heute immer noch, auch auf den sozialen Plattformen, über Texten erledigt. Aber: Das Kanalreduktionsmodell geht ja irgendwie von einander vorher unbekannten Kommunikationsteilnehmern aus. Das kommt aber kaum so vor (s.o.). Durch audiovisuelle Implements fallen auch fehlende Sicht- und Sprachkontakte flach, wenn das Bedürfnis dazu besteht. Die Face-toFace-Situation wird maximal angenähert. Wie wichtig Geruch, Geschmack und Betatschen des Kommunikationspartners sind, muß dann jeder für sich entscheiden. Ich brauch´s nicht immer…

Aber auch bei reiner Textkommunikation hat es schon immer die natürliche Kreativität der User gegeben, die auch nackten Text emotional anreichern konnten. Stichworte: Emoticons oder Paraphrasen. Die wirken tatsächlich in der beabsichtigten Weise, empirisch belegt z.B. durch Lo (2008) sowie Derks, Bos und von Grumbkow (2008). Aber das wissen wir ja alles schon.

 

Warum rolle ich altbekannte oder -geahnte Tatsachen auf ? Weil es ärgerlich ist, daß heutzutage immer noch Vorstellungen aus der netzbezogenen Prähistorie in Presseartikeln und TV-Berichten auftauchen. Und weil mit solchen Argumentationen die Intelligenz derjenigen, die Netzkommunikation schon längst in ihren Alltag integriert haben, ohne zu gewissenlosen Flamern, Cyberbullies oder  Asozialen geworden zu sein,  aufs Gröbste beleidigt wird. Zumeist von Leuten, die die Sache nur vom Hörensagen kennen, keine Lust haben oder keine Veranlassung sehen, sich selbst intensiver damit zu beschäftigen und lediglich qua Amtes Unsinn verbreiten.

Womit wir bei der Tatsache wären, daß die potentiell reibungsarme Nutzung genauso wie das Verständnis der ganzen Netzsachen auch nicht voraussetzungslos sind… Preisfrage: was braucht´s wohl ?

 

Literatur

Bargh, J.A. & McKenna, K.Y.A. (2004). The internet and social life. Annual Review of Psychology, 55, 573-590.

Connolly, T., Jessup, L.M. & Valacich, J.S. (1990). Effects of anonymity and evaluative tone on idea generation in computer-mediated     groups. Management Science, 36 (6), 689-703.

Derks, D., Bos, A.E.R. & Grumbkow, J. von (2008). Emoticons in computer-mediated communication: Social motives and social contexts. CyberPsychology & Behavior, 11, 99-101.

Hampton, K.N., Goulet, L.S., Rainie, L. & Purcell, K. (2011). Social networking services and our lives. How people´s trust, personal relationships and political involvement are connected to their use of social networking sites and other technologies. Pew Internet & American Life Project. Retrieved October 23, 2011 from http://www.pewinternet.org/topics/Social-Networking.aspx

Kraut, R., Kiesler, S., Boneva, B., Cummings, J., Helgeson, V. & Crawford, A. (2002). Internet paradox revisited. Journal of Social Issues, 58, 49-74.

Kraut, R., Patterson, M., Lundmark, V., Kiesler, S., Mukophadyay, T. & Scherlis, W. (1998). Internet Paradox. A social technology that reduces social involvement and psychological well-being ? American Psychologist, 53, 1017-1031.

Lo, S.-K. (2008). The nonverbal communication functions of emoticons in computer-mediated communication. CyberPsychology & Behavior, 11, 595-597.

Winterhoff-Spurk, P. & Vitouch, P. (1989). Mediale Individualkommunikation. In J. Goebel & P. Winterhoff-Spurk (Hrsg.), Empirische Medienpsychologie (S. 247-257). Weinheim: PVU.

 

Bilder

Artikelbild: birgerking /flickr, Lizenz: CC BY 2.0

Bild 1: florian_kuhlmann /flickr, Lizenz: CC BY 2.0

Bild 2: @boetter/flickr, Lizenz: CC BY 2.0

 

 

17. Oktober 2011
von ponyq
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Killerspiele killen Emotionen

oder: freie Interpretationen aus dem Hirnscanner ?

Kommentar zur Pressemitteilung der Uni-Bonn: Gewaltspiele stumpfen die Emotionen ab

Wir alle wissen: Gewaltspiele stehen in Verdacht, die Hemmschwelle zu senken und aggressives Verhalten zu begünstigen.

Dazu ein Verdachtsmoment aus der Studie:
Ego-Shooter-Spieler „zeigen im Vergleich zu Ego-Shooter-Abstinenten deutliche Unterschiede in der Emotionsregulation bei der Konfrontation mit realem, negative Emotionen auslösendem Bildmaterial.

Diese „Unterschiede in der Emotionsregulation“ sind meiner Meinung nach ein Befund, der  mehr als uneindeutig zu interpretieren ist . Von dieser Feststellung bis zu „Man könnte auch sagen, dass sie abgestumpfter sind als die Kontrollgruppe.“ scheint es mir ein weiter (Interpretations-) Weg zu sein – vor allem im Zusammenhang mit der „überraschenderweise“ ähnlichen emotionalen Erregung der Spieler im Vergleich zu den Nicht-Spielern der Kontrollgruppe.

Während die Forscher an dieser Stelle anscheinend davon ausgehen, dass sich in der fehlenden Emotionsregulation die „Abstumpfung“ quasi im fehlenden Bedarf an Abwehr- oder Kontrollmechanismen äußert, sehe ich schon im Versuchsaufbau selbst viel Potential für alternative Erklärungen.

Unter den Bildern waren Fotos, wie sie auch in den Gewalt-Spielen vorkommen, aber auch Aufnahmen von Unfall- und Katastrophenopfern. “Mit dieser Mischung von Bildern hatten wir die Möglichkeit, die Testpersonen zum einen in die ihnen bekannte fiktive Ego-Shooter-Welt zu versetzen und zum anderen Emotionen durch reales Bildmaterial auszulösen“

Informationen werden immer kontextspezifisch verarbeitet:
in einem bestimmten (Deutungs-) Rahmen treten Effekte auf, die die Informationsverarbeitung beeinflussen.

Wenn ich also Spieler „in die ihnen bekannte fiktive Ego-Shooter-Welt“ versetze und damit eine bestimmte Art der Informationsverarbeitung forciere, kann ich damit rechnen, dass alle in diesem Rahmen präsentierten Reize auf ähnliche Art und Weise (hier: wie in einem Computerspiel) verarbeitet werden.
Dass diese Art des Framings bei den Spielern gewisse Effekte in Sachen „Informationsverarbeitung“ auslöste, wurde in diesem Fall sogar vom Hirnscanner bestätigt – zeigten doch „die Ego-Shooter-Videospieler im Unterschied zu Kontrollpersonen während der Verarbeitung der Computerspielbilder eine erhöhte Aktivität in Hirnarealen, die mit Gedächtnisabruf und Arbeitsspeicher assoziiert sind.“
Das deutet nicht nur darauf hin, dass „die Spieler sich durch die Computerspielbilder in das Videospiel hineinversetzten und eine mögliche Löungsstrategie für den gezeigten Spielstand suchten“, sondern lässt den Rahmen erkennen, in dem die Spieler möglicherweise auch das reale Bildmaterial verarbeitet haben.

Für die Untermauerung der Interpretation „Ego-Shooter reagieren nicht so stark auf das reale, negative Bildmaterial, weil sie durch ihre täglichen Computeraktivitäten daran gewöhnt sind“ bräuchte es meiner Einschätzung nach eine weitere Kontrollgruppe: Spieler, denen nur reales Bildmaterial ohne Counterstrike-Screenshots  vorgelegt wird.

Zu dem Schluss, „dass es nicht nur während des Computerspielens zur Abstumpfung in den Emotionen kommt“, dass also Reaktionen auf reales Bildmaterial auf Erleben und Verhalten in der realen Welt hinweisen und „nicht auf die virtuellen Welten beschränkt“ sind, sei folgendes angemerkt:
Simulationen, die gezielt zur Verhaltensmodifikation eingesetzt werden, sind nicht ohne (Immersions-)Grund wesentlich realitätsnäher und komplexer als ein Computerspiel. Sonst könnte ja ein begeisterter Konsument von Flugsimulatorspielen wohl zumindest ansatzweise ein Flugzeug steuern…

Gut zu wissen:
Es scheint nach dieser Studie keinen Zusammenhang zwischen Unterschieden in der Persönlichkeit und unterschiedlich intensiver Nutzung von Ego-Shootern zu geben.

Der Auslegung dieser fehlenden Zusammenhänge als Hinweis darauf, dass „die Gewaltspiele die Ursache für die unterschiedliche Informationsverarbeitung im Gehirn sind“ kann ich schlicht und ergreifend nicht folgen… (wer hilft?) Ich sehe hier allenfalls Hinweise darauf, dass Gewaltsspiele die Ursache unterschiedlicher Informationsverarbeitung von Bildern Zusammenhang mit Gewaltspielen sind.

weitere Kritikpunkte zur Studie:  heise online: http://www.heise.de/tp/artikel/35/35691/1.html

 

Für Selbstversuche in Sachen Framing:

 

17. Oktober 2011
von Dirk
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Über sieben Ecken musst Du gehen…Wie Vulgärsprache in Medien Kinder und Jugendliche beeinflußt.

Etwas Obskures aus der Abteilung Medienwirkungsforschung: Sarah M. Coyne von der christlich ausgerichteten Brigham Young University hat den Einfluß von Vulgärssprache in den Medien auf Heranwachsende und aggressives Verhalten untersucht.

Dabei herausgekommen ist erstmal scheinbar gar nichts. Kein direkter Einfluss von Vulgärsprache in den konsumierten Medien und aggressivem Verhaltens.
Aber das kann man als Angestellte einer christlichen Privatuniversität, die u.a. auch die “saubere Sprache” als Teil ihres Verhaltenskodex fordert, so ja nicht auf sich beruhen lassen.

Deswegen werden “komplexe Statistiken aufgestellt”, die dann zeigen:

Vulgärsprache in den Medien führt dazu, dass die Heranwachsenden die Sprache als selbstverständlich hinnahmen. Heranwachsende, die Vulgärsprache als normal ansahen, benutzten sie auch eher. Und – endlich – wer Vulgärsprache selber benutzt, neigt auch eher dazu, psychische und physische Gewalt anzuwenden. Über sieben Ecken musst Du gehen…

Abgesehen davon, dass hier trotzdem noch jegliche Kausalzusammenhänge leicht in Frage gestellt werden dürfen, setzt die Studie noch einen drauf: sie hat nämlich die “direkt dargestellte Gewalt und Aggression” als Faktor mit einberechnet. Sehr sorgfältig. Während andere Forscher sich tüchtig darüber streiten, ob und in welcher Weise medial erfahrene Gewalt und reale Gewalt zusammenhängen, kann die Frau Coyne das mal locker in ihrer über 4 Ecken aufgestellten Behauptung rausrechnen.

Die Brigham Young University hat (abgesehen von ihrem lustigen Verhaltenskodex) auch einen etwas “eigenwilligen” Begriff der Freiheit der Lehre:

“1992 entwarf die Universität ihre gegenwärtige „Statement on Academic Freedom“.[2] Dies schreibt Einschränkungen der Lehrfreiheit in drei Bereichen vor: Demnach dürfen keine öffentliche Äußerungen (oder Äußerungen vor Studierenden) gemacht werden, die „(1) fundamentaler Kirchendoktrin oder -politik widerspricht oder entgegenwirkt, statt zu analysieren oder diskutieren, (2) absichtlich die Kirche oder ihre allgemeine Führung angreift, oder (3) dem Verhaltenskodex zuwiderläuft, weil die Äußerung unehrlich, unkeusch, profan oder unangemessen respektlos anderen gegenüber ist.“

Quelle/Autoren

Ich habe die Orginalstudie nicht gelesen, und ich will es auch gar nicht. Ich nehme mir die Freiheit, Studien einer Universität, die die Freiheit der Lehre ernsthaft eingeschränkt hat, einfach nicht ernstzunehmen. Schade wenn das andere tun.

Foto: morguefile.

[update] Man beachte bitte PonyQs Äußerungen in den Kommentaren unter disem Artikel und insbesondere ihr Schaubild.

16. Oktober 2011
von ponyq
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Technik für Kinder ?

Es kursiert gerade im Netz – kommentiert und bewertet von “lustig”, “cool” über “iPad für alle” bis zu “arme v(z)ertechnisierte Kinder” und “es wird fürchterlich enden”

eins von unzähligen Beispielen:

“Der reine Digital Native ist jung,
bewegt sich im Netz wie ein Fisch im Wasser
und weiß teilweise nicht mal mehr
wie ein Printmagazin funktioniert.
Wie diese Einjährige hier. “

+ Kommentare

bei SpiegelOffline

Mein Eindruck: Ich hab schon einige Kinder mit diversen Katalogen, Zeitschriften und anderem bedruckten Papier hantieren sehen – und es sah auch schon vor iPad-Zeiten nicht wirklich anders aus als in diesem Video. Deshalb drängt sich mir die Vermutung auf, dass die offensichtlichen Zusammenhänge eher in die andere als die hier suggerierte Richung gehen:

Nicht die Kinder wurden von der Technik beeinflusst, sondern die Technik von den Kindern. Wer “kinderleichte Bedienung” anstrebt, ist ganz klar gut damit beraten, sich vorher mal die Wahrnehmungs- und Denkwege von Kindern anzugucken.

Ich tippe also eher auf “Technik von Kindern” ;-)

Grundsätzlich finde die technikkritische Betrachtung vom (regelmäßigen ^^) Einsatz verschiedener Medien schon im Kleinkindalter angebracht – aber dieses Video liefert meiner Meinung nach keine wirklichen Argumente, die in diesem Zusammenhang von wegen “Medienpädagogik” oder “Technikwahn” diskutiert werden können.

 

 

13. Oktober 2011
von ponyq
3 Kommentare

DSDS-und andere Castings: „Haben die keine Freunde ?“

fragt man sich oft beim Fremdschämen und rätselt, wie der eine oder andere „zukünftige“ Popstar zu seiner inneren Überzeugung in Sachen Starpotential gekommen sein mag.

Wahrscheinlich zeigt sich in diesem Zusammenhang ein „Höflichkeitsproblem“ ähnlich dem, das in der Studie „The Risk of Polite Misunderstandings“ benannt und untersucht wurde.

Wir wollen niemandem auf die Füße treten, vor allem nicht auf die jeweilig sensibelste Zehe. Und das spricht eigentlich für uns. Die Urteile der Jury sind oft augenfällig brutal – und obwohl wir ihnen vielleicht im Grunde zustimmen, „hätte man das ja auch ein bisschen netter sagen können“.
Für solche Fälle gibt’s schließlich Formulierungen wie „Das ist auf jeden Fall noch ausbaufähig“ (und muss auch dringendst noch ausgebaut werden) – „Du hast auf jeden Fall einen sehr persönlichen Stil“ (und der sollte aus hörschutztechnischen Gründen auch lieber sehr persönlich bleiben) u.ä.

Gerade wenn wir merken, wieviel unserem Gegenüber an einer positiven Rückmeldung liegt, wie sehr er auf Anerkennung hofft, wenn wir ihm Respekt zukommen lassen wollen (oder sollen), gerade dann fällt es uns in der Regel schwer, seine Erwartungen mit klaren Aussagen zu enttäuschen. Lügen wollen wir natürlich auch nicht – also greifen wir zu Formulierungen mit breitem Interpretationsspielraum.

Im Zusammenhang mit den hoffnungsvollen Casting-Kanditaten enden solche „Höflichkeitsmanöver“ dann in einschaltquotengünstigen „social suicides“ und vielzitierten Jury-Sprüchen… die den Interpretationsspielraum entweder drastisch einschränken oder zumindest eine gewisse Unsicherheit zurücklassen.

In anderen Zusammenhängen können die Folgen falsch oder unvollständig interpretierter Informationen ein noch wesentlich „schädlicheres“ Ausmaß annehmen: In der Pilotenausbildung wird z.B. aus gutem Grund ein „Anti-Höflichkeitstraining“ eingesetzt. Wo es auf zuverlässige Übermittlung von eindeutigen Informationen ankommt, können verwirrende Höflichkeitsmanöver wertvolle Denk- und Handlungsressourcen kosten.

Den „Falschinterpreten“ unter den Casting-Kanditaten wäre vielleicht auch schon mit einem Einführungskurs „Wie erkenne und interpretiere ich höflich formulierte Informationen“ geholfen…

DSDS Song Quiz – MyVideo

Studie:
Jean-François Bonnefon, Aidan Feeney and Wim De Neys
The Risk of Polite Misunderstandings
DOI: 10.1177/0963721411418472
http://cdp.sagepub.com/content/20/5/321

via:
Association for Psychological Science. (2011, October 13). “When Politeness Can Become A Problem.” Medical News Today. Retrieved from http://www.medicalnewstoday.com/releases/235869.php.

 

12. Oktober 2011
von ponyq
1 Kommentar

Embodiment: Ein Herz aus Schokolade

Persönlichkeitspsychologische Forschung inspiriert von der körperbezogenen Weisheit der Sprache

„Du bist wirklich süß“, sagen wir.
Und jeder weiß, dass damit nicht der Geschmack gemeint ist.

In dieser Metapher „süß“ beschreiben wir komplexe, oft abstrakte Persönlichkeitsattribute, die wir schwer bis gar nicht in konkrete Worte fassen können: „Süß“ ist eine angenehme basale körperliche Erfahrung – und jeder weiß instinktiv, was – bezogen auf Personenmerkmale – damit gemeint ist.

„Ich schätze deine prosozialen Intentionen“ wird (hoffentlich ^^) kaum jemand sagen.

Eine Studie hat nun untersucht, wie umfassend die Zusammenhänge zwischen Sprache, körperlicher Erfahrung/Intelligenz und Persönlichkeitsattribut in diesem Falle tatsächlich sind:
Die Ergebnisse bestätigen die Hypothese, dass Menschen, die die Geschmackrichtung „süß“ bevorzugen, mehr prosoziale Tendenzen in Absichten und Verhalten zeigen.

Details:
Meier, B. P., Moeller, S. K., Riemer-Peltz, M., & Robinson, M. D. (2011, August 29).Sweet Taste Preferences and Experiences Predict Prosocial Inferences, Personalities, and Behaviors. Journal of Personality and Social Psychology.
Advance online publication. doi: 10.1037/a0025253

Fazit: Ran an die Weisheit der Sprache und rein damit in die psychologische Forschung !

(aus der Psychosomatik-Esoterik kennt man das ja schon lange… „halstarrig“, „Laus über die Leber gelaufen“, „schwer verdauliche Nachrichten“, „Herz gebrochen“ usw. )

Foto von Kyknoord /flickr
Lizenz: CC BY 2.0

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