eventualpsychologie

es könnte so ein…oder ganz anders.

Microphone Fiend

Be evil – Warum DSDS (nicht mehr?) funktioniert

| Keine Kommentare

Die 8. Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) startete im Januar 2011 mit 7,47 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von 36,8 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen. Über 35000 Jugendliche und junge Erwachsene nahmen an den Castings teil, für die Abstimmungen in den Life-Shows griffen im Laufe der Staffel Millionen von Zuschauern zum Telefon (vgl. Quotenmeter, 2011).

Der Erfolg jedes Castingformats basiert zum einen Teil sicher auf der schon immer faszinierenden Story des „normalen Menschen wie du und ich“, der hier in kurzer Zeit – und unabhängig von seiner Bildungsbiographie – zum Star wird. Zum anderen, wahrscheinlich bedeutenderen Teil gründet die Popularität von DSDS auf dem Spielcharakter der Casting-Show, realisiert in einer Beteiligung der Zuschauer bei der Auswahl des zukünftigen „Superstars“ im Rahmen einer umfangreichen crossmedialen Inszenierung.

Interessierte DSDS-Rezipienten können sich auf einer Webpräsenz zur Show Ausschnitte der Sendung ansehen, sich in Echtzeit über die neuesten Entwicklungen auf dem Laufenden halten, in Foren mit anderen Fans oder auch Nicht-Fans diskutieren und in Life-Chats mit ihren Lieblingskandidaten direkt Kontakt aufnehmen. Zusätzlich zur eigentlichen Sendung kann ein DSDS-Fan „Backstage-Reportagen“ und „Best-Of“-Sammlungen im Fernsehen verfolgen, ein Print-Magazin zur Sendung lesen, ein Fan der offiziellen DSDS-Facebook-Seite werden, den Kandidaten auf Facebook oder bei Twitter folgen, sich per Telefon an den Abstimmungen beteiligen, Karten für die Life-Shows erwerben und natürlich CDs der Stars kaufen.

Auch die nicht sendereigene Presse – vor allem die Boulevardpresse – greift das Themas „DSDS“ regelmäßig auf und die Fans selbst haben ihre Aktivitäten schon lange von den sendereigenen Inszenierungsmedien auf andere Plattformen ausgeweitet:

Sie gründen eigene Fan-Seiten z.B. auf Facebook, diskutieren auf Blogs und in externen Foren und twittern parallel zur Sendung. Sie verfassen (z.B. bei Amazon) Rezensionen zu den Musik-CDs, kommentieren unter Videoclips z.B. auf YouTube oder produzieren und präsentieren eigene Videostatements z.B. zur Unterstützung ihres Favoriten. Nach dem Finale der 7.Staffel haben sich Fangruppen über Facebook organisiert und in einigen Städten für ihren ausgeschiedenen Favoriten demonstriert .

Warum DSDS grundsätzlich funktioniert:

Unter dem Aspekt einer bedürfnisorientierten Mediennutzung steht außer Frage, dass es den Erfindern des Konzeptes DSDS gelungen ist, sowohl Bedürfnisse zu generieren als auch vorhandene Bedürfnisse aufzugreifen und – im Rahmen der crossmedialen Inszenierung und den darin enthaltenen vielfältigen Optionen – vor allem den Jugendlichen Möglichkeiten und Handlungsräume zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse zur Verfügung zu stellen.

In einer Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) von 2009 bis 2010 nannten die befragten Kinder und Jugendliche folgende Hauptgründe für den Konsum von DSDS:

  1. „Es macht einfach Spaß, die Show anzusehen“
  2. „Zu wissen, ob man mit der eigenen Einschätzung richtig lag“
  3.  „Am nächsten Tag darüber reden können“
  4.  „So richtig ablästern können“
  5.  „Mitfreuen, wenn es die Lieblingskandidaten besonders gut gemacht haben“

(Götz & Gather, 2010a, S. 2).

Wenn man davon ausgeht, dass die Befragen mit diesen angegeben Gründen mehr oder weniger bewusste Bedürfnisse ausdrücken (vgl. Tulodziecki, 2008, S. 64f), zeigt sich, dass neben dem grundlegenden Bedürfnis nach Abwechslung, Spaß und Spannung (vgl. Aussage 1) auch persönlichkeitssrelevant einzuschätzende Bedürfnisse (vgl. Bieri, 2005) zu einer Nutzung von DSDS führen:

Ausführlich dargestellte showinterne Bewertungsprozesse ermöglichen dem Zuschauer den orientierenden Abgleich von als fachkompetent wahrgenommenen Urteilen mit dem eigenen Wertesystem (vgl. Aussage 2 ).

Die Teilnahme an der Folgekommunikation (vgl. Aussage 3) bietet den DSDS-Konsumenten zunächst viele Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung sowie zum Erhalt von Aufmerksamkeit und Feedback, z.B. im Nachspielen von Szenen (Götz & Gather, 2010b, S. 58), im Produzieren von Videostatements  und im erfolgreichen Organisieren von Fangruppen oder Fan-Demonstrationen  und schafft darüber hinaus Raum zur Bedeutungskonstruktion in der Interaktion mit anderen Zuschauern mit dem Ziel einer Werteorientierung.

Letztlich lässt die Identifikation mit einem – möglichst erfolgreichen – Kandidaten (vgl. Aussage 5) den Jugendlichen an dessen Erfolg teilhaben und befriedigt damit sein Bedürfnis nach Anerkennung und Geltung. Vor allem dann, wenn sich der Jugendliche im Vorfeld für den Erfolg seines Favoriten eingesetzt hat, z.B. in Diskussionen mit anderen Rezipienten oder durch die Teilnahme am Telefonvoting, befriedigt sich in diesem Erfolgserlebnis das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit.

Ein weiterer Aspekt der Faszination liegt in den allgegenwärtigen Grenzerfahrungen und natürlich auch Grenzverletzungen im Rahmen von DSDS:

Zum einen können die Rezipienten verfolgen, welche Grenzen sich die Kandidaten selbst setzen (z.B. wie weit sie den Styling-Forderungen der Jury nachkommen), wie sie mit ihren persönlichen künstlerischen oder psychischen Grenzen umgehen oder auf von außen aufgezeigte Grenzen (z.B. beim Ausscheiden aus dem Wettkampf) reagieren. Im Anschluss werden dann das Verhalten und die Reaktionen der Kandidaten diskutiert. Zum anderen gehören Provokationen und gezielte Grenzverletzungen z.B. durch die Sprüche von Dieter Bohlen oder die Darstellung bestimmter Kandidaten zum Unterhaltungskonzept der Sendung – ein Umstand, der gerade pubertierende Jugendliche durchaus anzusprechen scheint.

Das ganze „Superstar-Thema“ lebt grundsäzlich von der Erwartung, dass es den Kandidaten gelingt, alltägliche Grenzen – insbesondere wohl den Zusammenhang von sozialer Herkunft, Bildungsbiographie und finanziellem und persönlichen Erfolg  -  zu überwinden. Dabei wird das  den Zuschauer vermutlich nicht explizit bewusste Bedürfnis nach sozialer Gleichheit und gesellschaftlicher Teilhabe  (schein?)befriedigt mit einer schlichten „aus dem Alltag ins Rampenlicht“-Inszenierung, der Teilnahme der Zuschauer an einem Entscheidungsprozess und der Möglichkeit einer individuellen Auswahl aus den zum Format gehörenden Konsummöglichkeiten.

Der zum Teil deutlichen, zum Teil subtilen Aufforderung, sich für seinen Lieblingskandidaten mit der Teilnahme an kostenpflichtigen Votings, dem Kauf von Tonträgern oder auf viele andere Arten einzusetzen, kommt der Aufgerufene mit einem Gefühl von persönlicher Verantwortlichkeit und dem damit verbundenen Erleben eigener Bedeutsamkeit natürlich selbstverpflichtend nach – entsprechend seiner individuellen finanziellen und/oder medientechnischen Möglichkeiten.

Um dabei Realitätsnähe und einen authentischen Entscheidungsprozess zu suggerieren, werden die Charaktere und Fähigkeiten der Kandidaten als durchaus diskutabel inszeniert, wobei jedoch die stark vereinfachte, plakative und sehr gezielt auf die Unterhaltungsinteressen des Senders ausgerichtete Darstellung den Spielraum für Diskussionen und externe Bewertungen beschränkt (Lünenborg & Töpper, 2011, S. 36). Tatsächlich werden nur wenige positive bzw. negative Aspekte einander gegenübergestellt, die von der Jury dann beliebig hervorgehoben werden können.

Die Werte bzw. Wertungskriterien werden innerhalb der Sendung wiederholt deutlich formuliert, basiert doch der Spiel- und Wettkampfcharakter des Konzeptes „DSDS“ auf der Begutachtung, Beurteilung und natürlich Bewertung der Bewerber. Die Jury begründet ihre Urteile in der Regel sehr ausführlich und für die Zuschauer möglichst nachvollziehbar und gibt damit einen relativ verbindlichen Rahmen für die Einschätzung eines Kandidaten durch den Zuschauer selbst vor.

Dieter Bohlen als „Hauptfigur“ der dreiköpfigen Jury verkörpert Werte wie Kompetenz, (Fach-)Wissen, Autorität und Ehrlichkeit. Die Zuschreibung dieser Werte zur Person „Bohlen“ werden durch das Konzept der Show und eine entsprechende Inszenierung vorgegeben. Mit geschickten Gestaltungselementen wie Kameraperspektive, Schnitt, Toneffekten, Einspielern, nachträglich eingefügten Bildelementen u.ä. werden bei der Präsentation der Kandidaten interne Bewertungen in einer subtil manipulativen Art und Weise vorgeschlagen, die dem Zuschauer – vor allem bei mangelnder Medienkompetenz – wenig Raum für eine von Bohlens anschließendem Urteilsspruch abweichende, externe Bewertung lässt. In der wiederholt erlebten Übereinstimmung vom „eigenen“ Urteil mit dem Urteil der Juroren festigt sich das Bild von einer kompetenten, harten, aber ehrlichen Jury, deren Autorität man anerkennen muss und deren Urteil man getrost vertrauen kann (Götz & Gather, 2010b, S. 58). Die von der KJM scharf kritisierte öffentliche Bloßstellung und Demütigung einzelner Bewerber in den Castings (KJM, 2010) wird den Zuschauern in diesem Zusammenhang als quasi verdiente Strafe für realitätsferne Selbstüberschätzung präsentiert und der Wert einer ehrlichen, kompetenten Rückmeldung durch einen Fachmann für die persönliche Orientierung und Entwicklung des Kandidaten hervorgehoben (Götz & Gather, 2010a, S. 6f).

Favorisierte Kandidaten werden meistens für Persönlichkeitswerte wie Fleiß, Disziplin, Leistungsbereitschaft, Belastbarkeit, Kritikfähigkeit, Verträglichkeit sowie Anpassungsbereitschaft und -fähigkeit gelobt. Ein Blick auf die aktuelle Shell-Studie zeigt: Die letztgenannten Persönlichkeitseigenschaften und das daraus resultierende Verhalten stehen bei den Jugendlichen hoch im Kurs.

Warum DSDS vielleicht nicht mehr funktioniert:

Die  von der „Autorität“ Dieter Bohlen als erfolgversprechend suggerierten Verhaltensweisen widersprechen inzwischen (?) in weiten Teilen den Wünschen, Erwartungen und eigenen Werthaltungen der Zuschauer:  Fleiß, Ehrgeiz, Leistung und persönlicher Erfolg werden zwar von den Jugendlichen positiv bewertet, die bedingungslose Anpassung an Vorstellungen, Erwartungen und Forderungen von Autoritäten jedoch eher kritisch gesehen. (vgl. Shell-Studie)
Ralf von Appen stellt in seiner Untersuchung z.B. fest, dass, obwohl die Jury dem Faktor “Individualität” einen eher geringen Wert zuschreibt, viele Zuschauer einen Kandidaten mit hohem Individualitätsfaktor als sympathisch beurteilen (von Appen, 2005, S. 202).

Die oft kritisierte Schadenfreude angesichts der Bloßstellung eines Teilnehmers und das “gemeinsames Ablästern” (vgl. oben Aussage 4) sind weniger Ausdruck eines moralischen Verfalls und dem vermeintlich zu befriedigenden Bedrüfnisses  der „Jugend von heute“ nach Grenzverletzungen, sondern haben vielmehr eine soziale Funktion:
In der gemeinsam artikulierten Abgrenzung von dem entsprechenden Kandidaten drücken die Jugendlichen ihre Gruppenzugehörigkeit aus und bestätigen sich gegenseitig ihren eigenen, durch den sozialen Abwärtsvergleich als höher wahrgenommenen Status (vgl. Lünenborg & Töpper, 2011, S. 38f). Hier zeigt sich das Bedürfnis der Jugendlichen nach Gruppenzugehörigkeit, Anerkennung, Selbstbestätigung und Orientierung in Form von einer mit der Gruppe geteilten, gemeinsamen Deutung von Werten. Lästern im Sinne von “Klatsch und Tratsch” ist übrigens ein bewährtes und deshalb in vielen Kulturen oft eingesetztes Mittel, die impliziten Regeln und Regulationsmechanismen der Gesellschaft zu kommunizieren, sei es, um diese Regeln zu vermitteln, sie zu lernen, sich ihrer zu vergewissern oder auch, um ein Regelwerk quasi erst gemeinsam zu erarbeiten. Damit befriedigt das oft kritisierte Lästern das Bedürfnis nach Sicherheit und Orientierung auch in Bezug auf gesamtgesellschaftlich geteilte Wertvorstellungen und erfüllt auch in diesem größeren Rahmen eine wichtige Orientierungsfunktion. Baumeister et al. bezeichnen es daher in diesem Zusammenhang auch als „Cultural Learning“ (vgl. Baumeister, Zhang & Vohs, 2004).
Der Umgang mit den Kandidaten – so wohltuend und deshalb verführerisch soziale Abwärtsvergleiche gerade für bezüglichen ihres eigenen sozialen Status unsichere Jugendliche auch sein mögen – widerspricht jedoch letztlich dem Interesse der Jugendlichen an „sozialmoralischen“ Wertvorgaben. (vgl. Shell-Studie).

In der Studie des AKJM werfen dementsprechend immerhin etwa ein Viertel der befragten Jugendlichen Dieter Bohlen „unangebrachte“, „zu krasse“ oder „fiese Sprüche“ bei der Bewertung der Kandidaten vor und beurteilen seine Art der Rückmeldung als „verletzend“, „gemein“, „demütigend“, und/oder „unfair“ bis hin zu „unmenschlich“, „erniedrigend“ oder „die Menschenwürde verletzend“ (Hackenberg et al., 2010, S. 64).

Außerhalb der Studien zeigt ein Blick in diverse Online-Diskussionen, dass mit inzwischen fast 10 Jahren DSDS-Erfahrung die Medienkompetenz vieler Rezipienten so weit gewachsen ist, dass sie das Format als Ganzes in Frage stellen. So eröffnete z.B. zu Beginn der aktuellen 9. Staffel ein Mitglied der „RTL-Community“ auf der sendereigenen Diskussionsplattform einen Thread mit dem Titel “Wer nimmt DSDS eigentlich noch ernst?”, in dem er DSDS als „DBGM = Dieter Bohlen Geld Maschine“ bezeichnet.

Diese Entwicklung ist wahrscheinlich nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, dass die Mischung aus Wettkampf, Dokusoap und Popmusik – unterstützt von der allgemeinen Medienpräsenz – ein breites, heterogenes Publikum mit z.T. unterschiedlichem (Bildungs-)Hintergrund erreicht (vgl. Lünenborg & Töpper, 2011, S. 37). Die aus der Heterogenität entstehenden unterschiedlichen Lesarten, die in der Folgekommunikation artikuliert werden, begünstigen einen umfassenden Wertediskurs mit viel Potential für ein insgesamt steigendes Reflexivitätsniveau.
Die Begeisterung für das Format scheint nachzulassen – die Einschaltquoten sinken.

Vielleicht wird´s auch einfach langsam langweilig?

Quellen:
Literaturnachweise
Beispiele/ weitere Links zum Thema

Foto: artwork_rebel   lizenziert unter CC BY 2.0

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.


neun − = 4


Switch to our mobile site