eventualpsychologie

es könnte so ein…oder ganz anders.

Konnektivismus – lernt ihr noch oder vernetzt ihr schon ?

| 3 Kommentare

Noch ne Lerntheorie – warum eigentlich ?

Jede Zeit kriegt die Theorien, die sie verdient. Behaviorismus und Kognitivismus sind Kinder ihrer Zeit, genauso wie Konstruktivismus und subjektwissenschaftliche Ansätze die Diskussion ums Lernen in unserer Zeit bestimmen. Und zwar, weil sie einfach gerade passen. Gesellschaftliche Megatrends wie technologischer Wandel, Individualisierung und Globalisierung erfordern auch Neudiskussionen des Lernens. Weil wir darin übereinstimmen, daß durch Lernen eine Gesellschaft erst reproduzierbar ist. Weil nur dadurch gesellschaftlich verwertbares Wissen und erwünschte Werte erzeugbar sind.

Witzigerweise hat immer noch niemand so richtig eine Idee, was Lernen eigentlich genau sein soll.

Der Konnektivismus nach George Siemens (2006), den ich hier darstellen möchte, weiß das auch nicht so genau. Das ist auch nicht nötig, denn Konnektivismus ist keine Lerntheorie im eigentlichen Sinne. Obwohl er sich eingehend mit Lernen und Wissen auseinandersetzt. Eigentlich ist er eher ein medienökologisches Rahmenmodell, in seiner Funktion ähnlich wie das von Nicola Döring (2003, S. 186 ff). Allerdings bezogen auf Erwerb und Umgang mit Wissen in einem (und das ist wichtig) Kontext von Möglichkeiten, die vorher nicht existierten.

Der Konnektivismus ist überhaupt nichts fundamental Neues. Ganz bewußt weist er behaviorisitischen,  kognitivistischen und konstruktivistischen Ansätzen einen berechtigten Platz zu und abstrahiert von deren möglichen „Allmachtsansprüchen“. Insofern könnte man den „-ismus“ auch weglassen. Er ist so demokratisch wie sein Gegenstand, vielleicht macht ihn das für mich so sympathisch..

Wissen und Lernen sind auch hier zentrale Begriffe. Wie sieht der Konnektivismus diese Konstruktionen ?

Ich bleibe im Folgenden eng an Siemens´ Darstellung, werde aber meinen Senf dazugeben.

Alle Übersetzungen aus dem englischen Original sind von mir. Also sind auch alle verunglückten Versuche darin, die zu Mißverständnissen in der Argumentation führen könnten, mir anzulasten, nicht etwa Herrn Siemens. Insoweit dieser zitiert wird, beziehen sich sämtliche Quellenangaben auf sein Werk “Knowing Knowledge” (2006), wie es in der Literaturliste aufgeführt wird.

 

Wissen

Alles fließt

Im Konnektivismus wird Wissen wird als Fluß betrachtet, der einer individuellen, kooperativen oder organisationalen Art von Wissenserzeugung entspringt. Es folgen die Stufen (Siemens, S. 6):

  • Ko-Kreation: Indem man auf der Arbeit anderer aufbaut, diese erweitert oder verändert, werden Innovationen schneller und leichter möglich. Diese Stufe bezieht sich schon auf die Möglichkeiten der Social Media und ist relativ neu im Vergleich zu den Folgenden.
  • Verbreitung: Analyse, Auswertung und Filtern des erzeugten Wissens durch das Netzwerk
  • Kommunikation: Die zentralen Ideen, die die Verbreitung überlebt haben, werden mit einigem Gewicht propagiert
  • Personalisation: Sich das Wissen individuell zu eigen machen, z.B. mit klassischen kognitivistisch-konstruktivistischen Methoden (Internalisierung, Dialog, Reflexion)
  • Implementation: Anwendung des personalisierten Wissens. Gucken, ob es was taugt

Die Wissensarten, die Siemens (S.10) nennt, sind großenteils auch schon Teil etablierter Taxonomien.

  • Wissen über: Das altbekannte Faktenwissen, deklaratives Wissen. Wissen, daß die Sonne aufgeht und daß ich meine Brötchen beim Bäcker bekomme.
  • Wissen wie: Prozedurales Wissen. Wissen, wie ich einen  Reifen wechsele.
  • Seins-Wissen: Das ist in dem Zusammenhang relativ neu: Siemens bezeichnet dies als „Wissen mit Menschlichkeit anreichern“ (S. 10). Dieses Konzept läßt sich gut mit dem dem der „Personalkompetenz“ im Rahmen der Diskussion um Schlüsselkompetenzen in Einklang bringen.
  • Wissen wo: Jedem bekannt: wissen, wo man Wissen herbekommt, wenn man es braucht.
  • Transformationswissen: Bisher als “Meta-Wissen” oder “Metakognitionen” bekannt. Fähigkeiten zur Steuerung der Wissensaufnahme. Reflexion über das eigene Lernen und das eigene Wissen.

Wo ist die Konnektivität bei alledem ?

Hier bezieht sich Siemens auf Downes (2005, zitiert nach Siemens, 2006, S.16):

Eine Eigenschaft einer Entität muß zu einer Eigenschaft einer anderen Entität führen oder werden, damit sie als verbunden betrachtet werden können. Das Wissen, das aus solch einer Verbindung resultiert, ist verbindendes Wissen

Ziemlich schwammig, also identifiziert Siemens vier Eigenschaften konnektiver Wissensnetzwerke (ebenda):

  • Diversität: Ein größtmögliches Spektrum an Standpunkten muß realisiert sein.
  • Autonomie: Die Individuen müssen freibestimmt nach eigenem Wissen und Wollen an der Interaktion teilnehmen, nicht aus Veranlassung einer außenstehenden Instanz oder als Agenten zur Verstärkung bestimmter Meinungen.Vernunft und Reflexion als Merkmale, nicht Quantität.
  • Interaktivität: Das erzeugte Wissen muß Ergebnis der Interaktion sein, nicht ein reines Zusammentragen von Meinungen. Es muß also etwas Neues aus Bekanntem entstanden sein, quasi etwas Kreatives.
  • Offenheit: Es muß ein Mechanismus vorhanden sein, der das Einbringen einer bestimmten Perspektive in das System ermöglicht, damit andere damit interagieren können. Problemlos in Social Media realisierbar.

Dies erscheint auf den ersten Blick für manche wohl erschreckend: völlige Freiheit bei der konnektiven Wissenskonstruktion verlangt auch einiges an Bemühungen und Verantwortung. Raus aus den liebgewordenen Puschen des Vorgekauten Kommen und Aktivwerden, sind angesagt. In diesem Zusammenhang muß sich die Frage stellen, wie es denn um die Güte des so erzeugten Wissens bestellt sein mag. Bisher war der Maßstab, zumindest wissenschaftlicher Wissenserzeugung, daß nur ausgewiesene Expertenmeinungen zur „Transformation“ zugelassen waren. Denken wir nur an die immer noch propagierte Zitier-Unwürdigkeit von Wikipedia. Siemens nimmt sich des Themas an und stellt die Frage nach der Vertrauenswürdigkeit von Wissensquellen: Dies betrifft auch den fundamentalen Unterschied zwischen Wissen als Produkt (gewohnter Zustand) und Wissen als Prozeß (eher neu). ( S. 22).

  • Expertenmeinungen werden durch bewährte Netzwerke von auf ähnlichem Gebiet Tätigen verbreitet, die in irgendeiner Weise schon zertifizierte Verdienste erworben haben. Man denke an die peer-review-Verfahren vor der Veröffentlichung wissenschaftlicher Fachartikel.
  • In Zukunft ist diese Art der Bewertung von Wissen unter Druck durch den massiven Zuwachs an Wissen. Die zentrale Frage stellt sich, ob eine Gruppe ebenso effektiv/vertrauenswürdig wie ein Experte sein kann. Siemens gibt darauf eine Antwort: sie wird es müssen. Enthierarchisierung und Demokratisierung als gesellschaftliche Tendenzen fordern auch ihren Anteil an der Wissenserzeugung:

Statt durch Anweisung- und Kontrollmodelle werden Richtlinien durch Dialog und Transparenz erzeugt. (Siemens, 2006, S. 23)

Lernen

Nach Siemens (S. 27) ist konnektivistisches Lernen das, was zu konnektivistischem Wissen führt und muß daher zwangsläufig diese Merkmale aufweisen:

  • Chaotisch: Abschied von mundgerechten Häppchen, Lernen kann auch drunter und drüber gehen.
  • Kontinuierlich: Anlaßbezogenes Lernen (wenn ich es brauche) löst das „Vorratslernen“ ab.
  • Ko-kreativ: Experten und Amateure erzeugen partnerschaftlich Wissen
  • Komplex: Lernen als komplexes adaptives Sytem. Geschenkt.
  • Verbundene Spezialisierung: Hier kommt die konnektivistische Perspektive zum Tragen: Komplexität und Diversität heutigen Wissens ergeben spezielle Knoten im Wissensnetzwerk, da ein Individuum alleine nicht mehr alles wissen kann. Wissenszuwachs und Lernen erfordern spezialisierte, miteinander verbundene Knoten.
  • Kontinuierlich vorläufige Gewißheit . Eine sehr schöne Formulierung, die sich einen Platz in meiner Aphorismensammlung gesichert hat.Wissen und Gewißheit sind nur Momentaufnahmen. Wissen fließt, gefragt ist beim Lernen in Zukunft ein gerüttelt Maß an Unsicherheitstoleranz.

Insbesondere das anlaßbezogene Lernen, teilweise das chaotische und die Ko-Kreation sind altbekannte und teilweise auch schon realisierte Aspekte, insbesondere in der beruflichen Aus- und Weiterbildung in Deutschland. Basis sind hier gemäßigt konstruktivistische (z.B. Reich, 2008; Siebert, 1998) und subjektwissenschaftliche theoretische Ansätze (vgl. Holzkamp, 1995).

Was ist denn nun Lernen für den Konnektivisten ?

Konsequenterweise ist Lernen in konnektivistischer Sicht der Prozeß der Netzwerkerzeugung mit Knoten und Relationen. Die Knoten sollen dabei externe Einheiten sein wie z.B. andere Menschen, Organisationen; klassisch: Bibliotheken, Bücher (Siemens, S. 29). Diese Vorstellung ist natürlich auch nicht neu: das Auslagern von Informationen in andere Menschen, Artefakte und deren Nutzung als externe Speicher ist im Gegenteil schon immer praktiziert worden. Das nennt man auch Kultur.

Der Lernakt wird charakterisiert als doppelter Prozeß:

-          Externes Netzwerk aufbauen aus Wissensknoten

-          Internes Netzwerk: Verbindungen und Verstehensmuster

Hier wird deutlich, warum ich anfangs geschrieben habe, daß noch niemand so richtig weiß, was Lernen eigentlich ist. Die konnektivistische Vorstellung bringt hier eher wenig Fortschritt gegenüber traditionelleren Ansätzen, ja bezieht kognitivistische Vorstellungen mit ein. Aber das soll auch, wie erwähnt, nicht der Anspruch sein. Schauen wir lieber, was der Konnektivismus nach Siemens nun sein will (S. 30)

Konnektivismus ist eine Theorie, die beschreibt, wie Lernen im digitalen Zeitalter stattfindet. Die Erforschung traditioneller Lerntheorien stammt aus einer Ära, als Netzwerktechnologien weniger verbreitet waren. Wie verändert sich Lernen, wenn der Wissenszuwachs so überwältigend ist und die Technik viele grundlegende Aufgaben ersetzt, die wir zuvor selbst übernommen haben ?

 

Eine Sammlung konnektivistischer Schlagworte:

Die Verbindungen, die uns Lernen ermöglichen, sind wichtiger als unser aktueller Wissensstand

“Wissen, wo” und “Wissen, wer” sind heutzutage wichtiger als Wissen, was und wie” (S. 32)

it´s the pipe that matters, not only the content(ebenda)

 Wissen ist ein Fluß, kein Stausee

Wissen ist ein Prozeß, kein Produkt (S. 53)

Auch keine Neuentdeckungen. Jeder Erstsemester bekommt den alten Spruch zu hören: „Du mußt nicht alles wissen; nur, wo es steht“. Natürlich sind die von den Konnektivisten ja zugestandenen früheren externen Netzwerkbildungen mittels traditioneller Medien damit gemeint – neu sind lediglich die gegenwärtigen Medien und deren ungleich größere Kapazitäten zur Informationsverbreitung. Dies macht die Neuheit des Ansatzes primär zu einer Informationsselektionsproblematik.

Das bisher Dargestellte faßt Siemens in einigen Prinzipien des Konnektivismus zusammen, die wiederum wörtlich wiedergegeben werden sollen (S. 31):

  • Lernen und Wissen erfordern Meinungsvielfalt, um das Ganze zu repräsentieren… und um eine Wahl des besten Ansatzes zu ermöglichen.         
  • Lernen ist ein Prozeß der Netzwerkbildung, der die Verbindung spezialisierter Knoten oder Informationsquellen umfaßt.
  • Wissen wird in Netzwerken aufbewahrt.
  • Wissen kann in nicht-menschlichen Anwendungen aufbewahrt werden und Lernen wird durch Technologie ermöglicht/erleichtert.
  • Die Fähigkeit mehr zu wissen ist wichtiger als das, was aktuell gewußt wird.
  • Lernen und Wissen sind ständig weitergehende Prozesse (keine Endzustände oder Produkte)
  • Die Fähigkeit, Verbindungen und Muster zu erkennen sowie den Sinn quer durch Fachgebiete, Ideen und Konzepte zu erkennen, ist die heutige Schlüsselqualifikation.
  • Ein ständiger Fluß (passendes, aktuelles Wissen) ist das Ziel jeglicher konnektivistischer Lernaktivität
  • Entscheidungsfindung ist Lernen. Die Auswahl des Lerngegenstands und die Bedeutung  aufgenommener Informationen werden aus der Sicht einer sich ändernden Realität gesehen. Während momentan vielleicht eine richtige Antwort existiert, könnte diese vielleicht morgen schon aufgrund veränderter Informationslage falsch sein.

 

Konnektivismus vs. traditionelle Lerntheorien

Der Schwachpunkt bisheriger Lerntheorien war nach Siemens also das heutige schnelle Wissenswachstum. Die bisherigen Erklärungsansätze zum Lernen sind mit dem Konnektivismus allerdings nicht obsolet geworden, sondern gehen darin auf. Lernen hat viele Dimensionen: keine einzelne Vorstellung kann alle Aspekte abdecken: Der KONTEXT ist zentral ! So bleiben für alle bisherigen Lerntheorien Bereiche, in denen sie weiter Bestand haben können (S. 34):

  • Das klassische Transmissionslernen (Behaviorismus, Kognitivismus)
  • Emergenzlernen: Expertenlernen, tiefes Lernen (Kognitivismus)
  • Aneignungslernen: das erkundende Lernen (Kognitivismus, Konstruktivis-mus)
  • Zuwachslernen: selbstgesteuert, je nach Kontext und aktuellem Bedarf, expansives Lernen (Konstruktivismus, subjektwissenschaftlicher Ansatz)

Unsere Lösung liegt in der Betrachtung des Ganzen. Monochromatische, ein-Modell, ein-Ansatz – Vorstellungen funktionieren nicht in komplexen Zusammenhängen wie sie für Lernen und Wissen charakteristisch sind. Nuancen, Kontinuen und verwischte Grenzen sind unsere neue Realität. (S. 39)

Es geht also darum, „kognitive Kapazitäten ins Netzwerk auszulagern und den Fokus der Lernenden von der Informationsverarbeitung auf Mustererkennung zu verlagern“, so daß ein „Denken(…) auf höherem Niveau möglich wird“ (Siemens, S. 43)

Zu wissen bedeutet heutzutage, verbunden zu sein. Wissen bewegt sich zu schnell als daß Lernen nur Produkt sein könnte. Früher erwarben wir Wissen, indem wir es uns selbst nahe brachten. Wir nannten das `Wissen besitzen` – es in unseren Köpfen haben. Wir können nicht mehr alles benötigte Wissen besitzen. Wir müssen es in unseren Freunden oder innerhalb der Technologie speichern (S. 51)

 

Gesellschaftliche Auswirkungen

So ganz voraussetzungslos scheint die Sache nach allem, was wir bisher gesehen haben, also nicht zu sein. Irgendwie bekommt man schon ein etwas mulmiges Gefühl in Richtung Zwei-Klassen-Gesellschaft. Siemens stellt selbst die wichtige Frage, die er auch gleich beantwortet (S. 64):

Wer sind die neuen Unterdrückten ?

Die Unterdrückten der digitalen Welt sind:

1. Diejenigen ohne Zugang zu den Werkzeugen globaler Kommunikation

2. Diejenigen ohne Fertigkeiten, einen Beitrag zur globalen Diskussion zu leisten

 

Verschärft wird die Situation durch gesellschaftliche und technische Veränderungen, die auf Wissenserwerb durchschlagen: Der Rahmen künftigen Wissens und des Wissenserwerbs ist schon ein dicker Brocken (Siemens, S. 111):

  • Quantitative Überlastung:  Wissen wird hilfsweise in Netzwerken gespeichert.
  • Überlastung durch Diversität: Wissen befindet sich im Kollektiv vieler verschiedener Standpunkte. Dies erfordert neue Fertigkeiten der Interaktion, insbesondere da Schulen immer noch Kompetenzen vermitteln, die einer Ära angemessen sind, die nicht mehr existiert.
  • Überholte Fertigkeiten: Fertigkeiten, die zur Navigation durch hierarchisches und strukturiertes Wissen geeignet waren, entsprechen nicht mehr unseren Bedürfnissen. Erforderlich sind Erkundungsfertigkeiten
  • Dehumanisierung: Wir müssen immer noch lernen, in diesem (virtuellen) Raum Mensch zu sein, Emotionen auszudrücken.
  • Bewertung / Authentizität: Wie wird Autorität erzeugt ? Wie können wir wissen, wem wir vertrauen können ? Ist die Bewertung durch Gleichgestellte genauso bedeutsam wie die Bewertung über etablierte Modelle durch Experten ?
  • Identität: Dritte können unsere Identität und Autorität bewerten und kommentieren

 

 Also: was müssen künftig Lernende beherrschen ?

Hier bezieht sich Siemens (S. 113) auf Standards zur Informationsgrundbildung für höhere Bildung des US-Verbandes der College- und Forschungsbibliotheken. Dieser definiert Informationsgrundbildung als „Erkennen, wann Information gebraucht wird und die Fähigkeit besitzen, benötigte Information zu lokalisieren, auszuwerten und effektiv zu nutzen.“[1] Insoweit gilt das unabhängig von bestimmten Medien

  • Verankern: Fokussiert bleiben auf wichtige Aufgaben im Beisein einer Flut von Ablenkungen.
  • Filtern: Regulierung des Wissensflusses und Herauslösen wichtiger Elemente
  • Verbinden: Aufbau von Netzwerken, um sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten.
  • Menschlich bleiben: Als Mensch interagieren, nicht nur zweckbezogen. Auf gegenseitig bezogener Ebene interagieren, um einen sozialen Raum zu bilden.
  • Bedeutung erzeugen und ableiten: Implikationen verstehen, Bedeutung und Auswirkungen erkennen
  • Bewertung und Identitätsprüfung: Den Wert von Wissen und dessen Authentizität einschätzen.
  • Veränderte Prozesse der Bewertung: Menschen und Ideen innerhalb eines bewertungsangemessenen Kontextes einschätzen.
  • Kritisches und kreatives Denken: Hinterfragen und weiterspinnen.
  • Mustererkennung: Trends und Muster extrapolieren.
  • Navigation durch die Wissenslandschaft: Beim Erreichen beabsichtigter Ziele zwischen Aufbewahrungsorten von Wissen, Menschen, Technologien und Ideen navigieren.
  • Akzeptanz von Unsicherheit: Bekanntes und Unbekanntes ausbalancieren, um das Verhältnis von existierendem zu nicht vorhandenem Wissen zu erkunden.
  • Kontextualisierung: Die zentrale Bedeutung des Kontextes verstehen, Kontinuen erkennen.

 

Fazit und Gedankenfetzen

Die geforderten Fähigkeiten sind eigentlich schon immer Bestandteile eines optimalen Umgangs mit Wissen gewesen. Wie Siemens richtig bemerkt, ist die Besonderheit der aktuellen Situation in der allgegenwärtigen, prinzipiell unbegrenzten Verfügbarkeit von Wissen und dessen exponentiellem Wachstum IN DIESEM KONTEXT der Vefügbarkeit zu sehen. Klassische Kulturtechniken müssen daher unbedingt durch eine informationelle Grundbildung ergänzt werden, wenn die vorhandene Kluft zwischen Digital Natives, Digital Immigrants und No Digitals überwunden werden soll. Langfristig droht sonst eine weitere Spaltung von Gesellschaften und eine Art Wissensoligarchie, wie sie in Ansätzen heute schon zu finden ist. Dies wird von Siemens auch angesprochen.

Bis dahin handelt es sich bei dem Konnektivismus eher um eine Umschreibung eines idealen Umgangs mit Wissen im Kontext von irrsinnigem Wissenswachstum und Verfügbarkeit. Sein Verdienst besteht in einer Integration vorhandener Modelle und seiner zutiefst demokratischen Grundhaltung. Wo die Werte herkommen sollen, die in einem konnektivistischem Kontext neben der Information ja auch verbreitet werden sollen, bleibt aber unklar bzw. in der Verantwortung jedes einzelnen Konnektivisten. Insgesamt also eine Vorstellung, deren Realisierung viele Voraussetzungen erfordert und damit vorerst auf diejenigen beschränkt bleibt, die es im Bereich der Wissensarbeit ohnehin schon zu einigem Expertentum gebracht haben.

Eine eigene Lerntheorie wird mit dem Konnektivismus meiner Ansicht nach allerdings nicht begründet. Das ist aber auch nicht nötig. Als Panoptikum und Integration schon geleisteter Beiträge konzentriert er sich auf die besondere Ökologie des Umgangs mit Wissen in maximal erweiterten Wissenslandschaften. Das ist Beitrag genug und aller Ehren wert !

 

Literatur

Döring, N. (2003). Sozialpsychologie des Internet: die Bedeutung des Internet für Kommunikationsprozesse, Identitäten, soziale Beziehungen und Gruppen (2., vollständig überarbeitete und erweiterte Aufl.). Göttingen: Hogrefe.

Holzkamp, K. (1995). Lernen – Subjektwissenschaftliche Grundlegung. Frankfurt/Main: Campus.

Reich, K. (2008). Konstruktivistische Didaktik. Lehr- und Studienbuch mit Methodenpool (4. Aufl.). Weinheim: Beltz.

Siebert, H. (2005). Pädagogischer Konstruktivismus.Lernzentrierte Pädagogik in Schule und Erwachsenenbildung (3., überarbeitete und erweiterte Aufl.). Weinheim: Beltz.

Siemens, G. (2006). Knowing Knowledge. Retrieved December 20, 2011 from http://www.knowingknowledge.com.



[1] http://www.ala.org/acrl/sites/ala.org.acrl/files/content/standards/standards.pdf

Switch to our mobile site