eventualpsychologie

es könnte so ein…oder ganz anders.

Pädagogische Diagnostik ?

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Sie kommt nicht gut weg, die pädagogische Diagnostik, zumindest nicht in den Büchern, die ich im Moment so am Wickel habe…

Es fängt schon wenig überzeugend mit den Schuleignungstests an:
Beurteilt werden sollen soziale, emotionale, motorische und kognitive Kompetenzen. Getestet werden aber oft nur die kognitiven Fähigkeiten.
Wer laut Test wegen diverser Defizite lieber mal noch ein Jahr von der Einschulung zurückgestellt wird, muss noch ein Jahr länger auf die Förderung seiner mangelnden Kompetenzen verzichten. Es sei denn, es wird in dieser Zeit ein sinnvolles „Ersatzförderprogramm“ angeboten. Dann drängt sich allerdings die Frage auf, wieso diese ausgleichenden Fördermaßnahmen nicht schon ein Jahr früher stattgefunden haben.
Abgesehen davon werden mit Eingangstest anscheinend genauso viele Kinder „falsch nicht zurückgestellt“ wie ohne Test… ohne Test fallen allerdings die „falsch zurückgestellten“ Kinder weg.

Noch unangenehmer wird es bei der Diagnostik von Lernbehinderungen – vor allem in Hinsicht auf die Folgen für die der Sonderschule zugewiesenen Kinder:
„Lernbehinderung“ ist kein einheitlich definierter Begriff. Nicht zuletzt aus diesem Grund werden wohl auch regional unterschiedliche Diagnose-Verfahren eingesetzt, die zu entsprechend unterschiedlichen Ergebnissen führen.
Zudem wird die Schwelle zwischen „noch Hauptschule“ und „schon Sonderschule“ recht willkürlich gesetzt, so dass ein „intelligenter Sonderschüler hier“ tatsächlich intelligenter sein kann als ein „unintelligenter Hauptschüler da“. Blöderweise hat der intelligente Sonderschüler aber kaum Aussicht auf einen „Aufstieg“ innerhalb des Schulsystems.

Übrigens können nur intelligente Kinder Teilleistungsstörungen wie Dyskalkulie oder Legasthenie haben – zumindest dann, wenn Teilleistungsstörungen im Unterschied von einzelnen Leistungen zur Gesamtintelligenz gemessen werden.
Bei insgesamt weniger intelligenten Kindern fallen eben diese Unterschiede geringer aus und die Dyskalkulie verschwindet im Gesamtbild.
Außerdem gilt: Je älter der Intelligenztest, mit dem die Gesamtleistung erfasst wird, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer Teilleistungsstörung. Nicht neu normierte Test lassen nämlich den Flynn-Effekt außen vor, der darauf hinweist, dass die in Intelligenztests erfasste Intelligenz von Generation zu Generation kontinuierlich steigt.  Da besagte Teilleistungen nicht vom Flynn-Effekt betroffen sind, wirkt natürlich bei nicht aktualisierten Tests der Unterschied zwischen Gesamt- und Teilleistung zunehmend größer. Das mag für die (eigentlich) weniger intelligenten „Teilleistungsgestörten“ von Vorteil sein, macht aber aus manchem teilleistungsnormalen Kind einen Legastheniker…

Wenn man abschließend noch einen Blick darauf wirft, wer mit welcher (nie aktualisierter) Qualifikation von welchen Interessen geleitet welchen (veralteten) Test durchführt und damit Schullaufbahnen und Lebenswege beeinflusst… ohweh.

Und auch die gut gemeinte Anpassung „ungeeigneter“ Tests an die Besonderheiten der Kinder auf Basis langjähriger Praxiserfahrung trägt leider nicht wirklich zu einer vertrauenswürdigen Diagnostik bei…

 

Kann irgendjemand sich vielleicht positiv zu dem Thema äußern?

 

 

 

 

 

 

Literatur:

Wilhelm, O., Kunina, O. (2009). Pädagogisch-psychologische Diagnostik. In E. Wild & J. Möller (Hrsg.), Einführung in die Pädagogische Psychologie (S. 307-332). Springer, Heidelberg.

Asendorpf, JB (2009). Persönlichkeitspsychologie - für Bachelor. Heidelberg: Springer.

Kelle, Helga (2011). Schuleingangsuntersuchungen im Spannungsfeld von Individualdiagnostik und Epidemiologie. Eine Praxisanalyse. in: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung Heft 3-2011 (S. 247-262)

edit: hier noch ein Link zu einer Testübersicht/Entwicklungsdiagnostik

Bilder: morgueFile, Free License
Tafel: phaewilk
Tisch: aron123


Ein Kommentar

  1. War gerade Anfang der Woche mit meiner Tochter beim Schuleignungstest – hatte also auch Anlass zu überlegen, was man besser machen könnte Die Überprüfung sozialer und emotionaler Kompetenzen haben eigentlich gar keine Rolle gespielt. Zu organisieren wäre das m.E. in kleinen Gruppenspielen doch relativ einfach, Beobachtungspersonal wäre auch ausreichend vorhanden… was mich etwas gestört hat war das Durchlaufen mehrerer Stationen mit verschiedenen (wenn auch stets netten und wohlgesonnenen) Personen – Kinder werden so kaum ganzheitlich in den Blick genommen, was aber m.E. durchaus hilfreich wäre. Wie groß und schwer sie sind, ob sie einigermaßen hören, sehen, springen, nachmalen, ansatzweise (sic!) logisch denken und Balance halten können, ob sie beim Hören fehlende Buchstaben erkennen… – das mögen alles nicht unwichtige Aspekte sein, aber inwiefern sie allein bei der Diagnose sozialer und emotionaler Kompetenzen förderlich sind, ist mir nicht ganz klar…

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