eventualpsychologie

es könnte so ein…oder ganz anders.

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Das Märchen vom bösen Netz und der armen Kommunikation

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Ach, was muß man oft von bösen

Netzen hören oder lesen…

Woher kommt eigentlich die anscheinend immer noch verbreitete Auffassung, daß Kommunikation im Netz irgendwie einsam machen soll. Oder generell gegenüber dem guten alten Face-to-Face-Plausch abstinkt ? Und stimmt das denn ? Mal gucken:

 

Behauptung: Das Netz macht einsam

Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis…

Naja, eigentlich war´s erst vor ungefähr 15 Jahren und auf diesem Planeten, aber in der Rückschau kommt es einem schon manchmal so vor. Da kam nämlich dieses Internet so langsam in die Puschen und wurde für die Masse der Leute außerhalb von Nerd- und Geek-Kreisen einigermaßen handhabbar. Und wie so oft bei neuen Technologien waren die Nutzer erst einmal fasziniert. Wenn die tumbe Masse aber von etwas dermaßen begeistert ist, dann kann das ja nur schlecht sein, denkt der bisher unbeteiligte Wissenschaftler. Ist so eine Art Reflex. Weil der Mensch an sich eigentlich immer nur das richtig gut findet, was seiner Gesundheit, in diesem Fall seiner psychischen, schadet.

The Internet Paradox nennen Kraut, Patterson, Lundmark, Kiesler, Mukophadyay und Scherlis 1998 folgerichtig ihre Veröffentlichung der Untersuchung mit der Frage “A social technology that reduces social involvement and psychological well-being ?“. Das Paradoxon soll also darin bestehen, daß eine Technologie, die sich selbst als sozial bezeichnet, soziale Verarmung und psychische Nachteile mit sich bringt. Stattgefunden hatte die Untersuchung schon ein bis zwei Jahre vorher, als vom Web 2.0 noch überhaupt keiner geredet hat und Social Media noch nicht einmal andeutungsweise in der heutigen Form existierten. Die Untersuchung war methodisch sauber angelegt, Längsschnittdesign. Als Maße der sozialen Eingebundenheit wurden die Kommunikation innerhalb der Familie, die Größe des sozialen Netzwerks und soziale Unterstützung erhoben. Das psychische Wohlbefinden wurde als Ausmaße von Einsamkeit und Depression operationalisiert.

Ergebnis: Katastrophal. Wer im Netz unterwegs war, sprach seltener mit seiner Familie, fühlte sich einsamer und war depressiver. Kraut und Kollegen schlußfolgerten insgesamt, daß Internetnutzung soziale Eingebundenheit und psychisches Wohlbefinden negativ beeinflussen. Und zwar kausal.

Allerdings bedachten die Autoren lobenswerterweise auch mögliche Alternativerklärungen und so schoben Kraut, Kiesler, Boneva, Cummings, Helgeson und Crawford 2002 eine Replik der Untersuchung von 1998 hinterher: The Internet Paradox Revisited . Und siehe da: sie konnten die ursprünglich negativen Befunde im Wesentlichen nicht mehr replizieren. Als Begründung für diese Tatsache gaben sie an, daß sich das Netz in der Zeit seit der ersten Erhebung verändert hat: mehr Verwandte und Freunde sind auch online, neue Beziehungen zu knüpfen ist in den Hintergrund gerückt. Wichtiger ist der Erhalt bestehender Beziehungen über das Netz. Das ist auch plausibel. Bedenken nochmal bitte: das war zu Zeiten von Foren, E-Mail, IR-Chats, Newsgroups usw.

Diese soziale Hauptnutzung des Netzes, das “Management” bestehender Beziehungen, ist bis heute in vielen weiteren Untersuchungen bestätigt worden und gilt auch noch in Zeiten des Web 2.0. Ein weiterer Mythos, der immer wieder hochkocht, sollte damit auch ad acta gelegt werden: die Unterscheidung zwischen Offline- und Online-Beziehungen !

Es wurde gelegentlich argumentiert, soziale Beziehungen würden schon deshalb verarmen, weil unheimlich viel Zeit für das Sitzen vorm PC draufgeht, die sinnvoller in Gespräche mit Freunden und Familie investiert wäre. Nach dieser Argumentation dürften wir auch keine Bücher mehr lesen, weil das so extrem unkommunikativ und genauso verzichtbar ist. Studenten wären durch die Bank sozial pleite.

Und wie sieht´s denn so aus in Zeiten von Social Media ? Ganz aktuell haben Hampton, Goulet, Rainie und Purcell (2011) im Rahmen des Pew Internet & American Life Project eine repräsentative Studie zu Social Networking Sites, insbesondere Facebook, und deren Zusammenhang u.a. mit persönlichen Beziehungen durchgeführt. Stichprobengröße: N = 2255.

Ergebnisse: Social Media-Nutzer waren mit einer wesentlich geringeren Wahrscheinlichkeit sozial isoliert als Netz-Abstinenzler: Sie hatten im Schnitt 2,45 enge persönliche Beziehungen (gegenüber 2,16 bei Netz-Nichtnutzern); die Häufigkeit der Facebook-Nutzung stand auch im Zusammenhang mit einem größeren sozialen Kernnetzwerk. Der “durchschnittliche” Facebook-Nutzer hatte 48 % seines gesamten sozialen Netzwerks in seiner Kontaktliste, nur etwa 7 % der Facebook-Freunde waren reine Online-Beziehungen (s. Argumentation oben). Auch war das auf Facebook versammelte soziale Netzwerk viel bunter als bei Abstinenzlern. Daraus wurde gefolgert, daß die Nutzung in einem höheren sozialen Kapital als bei Offlinern mündet. Also alles andere als trübe Aussichten.

“Das Netz/Facebook/Social Networks macht/machen….” einsam oder doch eher glücklich ? Nein, sie “machen” erstmal gar nichts. Und dabei wären wir bei dem Aber zu den bisher positiven Erkenntnissen: plausiblerweise haben viele Forscher, die sich mit dem Thema beschäftigt haben, auch die Frage gestellt, wer denn jetzt genau von den potentiellen sozialen Segnungen des Netzes profitieren könnte. Sie haben in zwei Richtungen geschaut: sozial eher gehemmte Menschen könnten dieses “Manko” im Netz irgendwie ausgleichen. Oder ist es eher so, daß Leute, die sowieso schon Mittelpunkt jeder Party sind, im Netz sogar noch den Nachbrenner einschalten ? Social compensation – Modell (vgl. Bargh & McKenna, 2004) vs. rich-get-richer-Hypothese (z.B. Kraut et al., 2002). Die Ergebnisse zeigen in der Tendenz gegen “das Netz macht…” und zusätzlich: Schüchterne Individuen werden nicht glücklicher, aber auch nicht unbedingt unglücklicher und tatsächlich profitieren weniger Schüchterne eher. Das sollte aber nicht überraschen. Netzleben ist eben das gleiche Leben wie sonstwo, nur mit anderen Mitteln.

 

Behauptung: Netzkommunikation ist verarmte Kommunikation

Der Klassiker. Bezugspunkt ist natürlich die Face-to-Face-Situation, die soll alleinseligmachend sein. Da hält sich bis heute vor allem eine kommunikationstheoretische Vorstellung, die mit den Merkmalen des Mediums Internet zu tun hat: Das Kanalreduktions – Modell (z.B. Winterhoff-Spurk & Vitouch, 1989)

Face-to-face-, Offline-, Real-Life-Situation. Synonyme für das, was als vollständigste und damit erstrebenswerteste Form des menschlichen Umgangs miteinander gelten soll. Alles andere ist dann schon von sich aus defizitär. Davon geht das Kanalreduktions-Modell aus. Netzkommunikation spricht nicht alle Sinneskanäle an, mit denen uns die Natur ausgestattet hat: Riechen, Schmecken und Berührungen sind (noch) außen vor, der ganze nonverbale Teil fehlt. Das soll Konsequenzen haben: wir verarmen psychisch und sozial in unserer Kommunikation, wenn das Gegenüber nicht direkt vor uns steht. Irgendwie geartete Ausgleichsmöglichkeiten werden uns nicht zugestanden. Basta. Und außerdem hat das die Evolution nicht so gewollt.

Moment: Face-to-Face soll die Idealform der Kommunikation sein ? Also fehlerfrei ? Interessant, wenn man bedenkt, wieviel Blödsinn auf dem Weg vom Sender zum Empfänger und auch schon vor- und nachher passieren kann. Mißverständnisse, Fehlinterpretationen von non- und paraverbalen “Botschaften”. Da hat´s schon Kriege gegeben.

Im Grunde geht es darum, daß der Transport emotionaler Botschaftsanteile nicht möglich sein soll. Überprüft (und bestätigt) hat man das Kanalreduktionsmodell übrigens durch Untersuchungen an ad hoc zusammengestellten Arbeitsgruppen, deren Mitglieder sich vorher nicht kannten und die eine reine Arbeitsaufgabe unter Zeitdruck zu erledigen hatten. Ausschließlich unter Verwendung von Textkommunikation. Die Kommunikation blieb äußerst sachbezogen und unemotional (z.B. Connolly, Jessup & Valacich, 1990). Wen wundert´s ? Und nun: finde den Fehler.

Vieles an Austausch wird heute immer noch, auch auf den sozialen Plattformen, über Texten erledigt. Aber: Das Kanalreduktionsmodell geht ja irgendwie von einander vorher unbekannten Kommunikationsteilnehmern aus. Das kommt aber kaum so vor (s.o.). Durch audiovisuelle Implements fallen auch fehlende Sicht- und Sprachkontakte flach, wenn das Bedürfnis dazu besteht. Die Face-toFace-Situation wird maximal angenähert. Wie wichtig Geruch, Geschmack und Betatschen des Kommunikationspartners sind, muß dann jeder für sich entscheiden. Ich brauch´s nicht immer…

Aber auch bei reiner Textkommunikation hat es schon immer die natürliche Kreativität der User gegeben, die auch nackten Text emotional anreichern konnten. Stichworte: Emoticons oder Paraphrasen. Die wirken tatsächlich in der beabsichtigten Weise, empirisch belegt z.B. durch Lo (2008) sowie Derks, Bos und von Grumbkow (2008). Aber das wissen wir ja alles schon.

 

Warum rolle ich altbekannte oder -geahnte Tatsachen auf ? Weil es ärgerlich ist, daß heutzutage immer noch Vorstellungen aus der netzbezogenen Prähistorie in Presseartikeln und TV-Berichten auftauchen. Und weil mit solchen Argumentationen die Intelligenz derjenigen, die Netzkommunikation schon längst in ihren Alltag integriert haben, ohne zu gewissenlosen Flamern, Cyberbullies oder  Asozialen geworden zu sein,  aufs Gröbste beleidigt wird. Zumeist von Leuten, die die Sache nur vom Hörensagen kennen, keine Lust haben oder keine Veranlassung sehen, sich selbst intensiver damit zu beschäftigen und lediglich qua Amtes Unsinn verbreiten.

Womit wir bei der Tatsache wären, daß die potentiell reibungsarme Nutzung genauso wie das Verständnis der ganzen Netzsachen auch nicht voraussetzungslos sind… Preisfrage: was braucht´s wohl ?

 

Literatur

Bargh, J.A. & McKenna, K.Y.A. (2004). The internet and social life. Annual Review of Psychology, 55, 573-590.

Connolly, T., Jessup, L.M. & Valacich, J.S. (1990). Effects of anonymity and evaluative tone on idea generation in computer-mediated     groups. Management Science, 36 (6), 689-703.

Derks, D., Bos, A.E.R. & Grumbkow, J. von (2008). Emoticons in computer-mediated communication: Social motives and social contexts. CyberPsychology & Behavior, 11, 99-101.

Hampton, K.N., Goulet, L.S., Rainie, L. & Purcell, K. (2011). Social networking services and our lives. How people´s trust, personal relationships and political involvement are connected to their use of social networking sites and other technologies. Pew Internet & American Life Project. Retrieved October 23, 2011 from http://www.pewinternet.org/topics/Social-Networking.aspx

Kraut, R., Kiesler, S., Boneva, B., Cummings, J., Helgeson, V. & Crawford, A. (2002). Internet paradox revisited. Journal of Social Issues, 58, 49-74.

Kraut, R., Patterson, M., Lundmark, V., Kiesler, S., Mukophadyay, T. & Scherlis, W. (1998). Internet Paradox. A social technology that reduces social involvement and psychological well-being ? American Psychologist, 53, 1017-1031.

Lo, S.-K. (2008). The nonverbal communication functions of emoticons in computer-mediated communication. CyberPsychology & Behavior, 11, 595-597.

Winterhoff-Spurk, P. & Vitouch, P. (1989). Mediale Individualkommunikation. In J. Goebel & P. Winterhoff-Spurk (Hrsg.), Empirische Medienpsychologie (S. 247-257). Weinheim: PVU.

 

Bilder

Artikelbild: birgerking /flickr, Lizenz: CC BY 2.0

Bild 1: florian_kuhlmann /flickr, Lizenz: CC BY 2.0

Bild 2: @boetter/flickr, Lizenz: CC BY 2.0

 

 

2 Kommentare

  1. Ein Beispiel dafür, wie “Internet” die Kommunikationsmöglichkeiten erweitert – auch und gerade wenn “Analogkontakte” vielleicht aus verschiedenen Gründen weniger werden:
    http://www.netzwerk-senioren.de/medien-und-internet/benutzen-senioren-social-media-netzwerke

    nur mal so gesagt…

  2. Pingback: Mein Netz mach mich nicht dumm – ein Kommentar - youPEC - Blog

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