eventualpsychologie

es könnte so ein…oder ganz anders.

Microphone Fiend

1. April 2012
von ponyq
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Be evil – Warum DSDS (nicht mehr?) funktioniert

Die 8. Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) startete im Januar 2011 mit 7,47 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von 36,8 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen. Über 35000 Jugendliche und junge Erwachsene nahmen an den Castings teil, für die Abstimmungen in den Life-Shows griffen im Laufe der Staffel Millionen von Zuschauern zum Telefon (vgl. Quotenmeter, 2011).

Der Erfolg jedes Castingformats basiert zum einen Teil sicher auf der schon immer faszinierenden Story des „normalen Menschen wie du und ich“, der hier in kurzer Zeit – und unabhängig von seiner Bildungsbiographie – zum Star wird. Zum anderen, wahrscheinlich bedeutenderen Teil gründet die Popularität von DSDS auf dem Spielcharakter der Casting-Show, realisiert in einer Beteiligung der Zuschauer bei der Auswahl des zukünftigen „Superstars“ im Rahmen einer umfangreichen crossmedialen Inszenierung.

Interessierte DSDS-Rezipienten können sich auf einer Webpräsenz zur Show Ausschnitte der Sendung ansehen, sich in Echtzeit über die neuesten Entwicklungen auf dem Laufenden halten, in Foren mit anderen Fans oder auch Nicht-Fans diskutieren und in Life-Chats mit ihren Lieblingskandidaten direkt Kontakt aufnehmen. Zusätzlich zur eigentlichen Sendung kann ein DSDS-Fan „Backstage-Reportagen“ und „Best-Of“-Sammlungen im Fernsehen verfolgen, ein Print-Magazin zur Sendung lesen, ein Fan der offiziellen DSDS-Facebook-Seite werden, den Kandidaten auf Facebook oder bei Twitter folgen, sich per Telefon an den Abstimmungen beteiligen, Karten für die Life-Shows erwerben und natürlich CDs der Stars kaufen.

Auch die nicht sendereigene Presse – vor allem die Boulevardpresse – greift das Themas „DSDS“ regelmäßig auf und die Fans selbst haben ihre Aktivitäten schon lange von den sendereigenen Inszenierungsmedien auf andere Plattformen ausgeweitet:

Sie gründen eigene Fan-Seiten z.B. auf Facebook, diskutieren auf Blogs und in externen Foren und twittern parallel zur Sendung. Sie verfassen (z.B. bei Amazon) Rezensionen zu den Musik-CDs, kommentieren unter Videoclips z.B. auf YouTube oder produzieren und präsentieren eigene Videostatements z.B. zur Unterstützung ihres Favoriten. Nach dem Finale der 7.Staffel haben sich Fangruppen über Facebook organisiert und in einigen Städten für ihren ausgeschiedenen Favoriten demonstriert .

Warum DSDS grundsätzlich funktioniert:

Unter dem Aspekt einer bedürfnisorientierten Mediennutzung steht außer Frage, dass es den Erfindern des Konzeptes DSDS gelungen ist, sowohl Bedürfnisse zu generieren als auch vorhandene Bedürfnisse aufzugreifen und – im Rahmen der crossmedialen Inszenierung und den darin enthaltenen vielfältigen Optionen – vor allem den Jugendlichen Möglichkeiten und Handlungsräume zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse zur Verfügung zu stellen.

In einer Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) von 2009 bis 2010 nannten die befragten Kinder und Jugendliche folgende Hauptgründe für den Konsum von DSDS:

  1. „Es macht einfach Spaß, die Show anzusehen“
  2. „Zu wissen, ob man mit der eigenen Einschätzung richtig lag“
  3.  „Am nächsten Tag darüber reden können“
  4.  „So richtig ablästern können“
  5.  „Mitfreuen, wenn es die Lieblingskandidaten besonders gut gemacht haben“

(Götz & Gather, 2010a, S. 2).

Wenn man davon ausgeht, dass die Befragen mit diesen angegeben Gründen mehr oder weniger bewusste Bedürfnisse ausdrücken (vgl. Tulodziecki, 2008, S. 64f), zeigt sich, dass neben dem grundlegenden Bedürfnis nach Abwechslung, Spaß und Spannung (vgl. Aussage 1) auch persönlichkeitssrelevant einzuschätzende Bedürfnisse (vgl. Bieri, 2005) zu einer Nutzung von DSDS führen:

Ausführlich dargestellte showinterne Bewertungsprozesse ermöglichen dem Zuschauer den orientierenden Abgleich von als fachkompetent wahrgenommenen Urteilen mit dem eigenen Wertesystem (vgl. Aussage 2 ).

Die Teilnahme an der Folgekommunikation (vgl. Aussage 3) bietet den DSDS-Konsumenten zunächst viele Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung sowie zum Erhalt von Aufmerksamkeit und Feedback, z.B. im Nachspielen von Szenen (Götz & Gather, 2010b, S. 58), im Produzieren von Videostatements  und im erfolgreichen Organisieren von Fangruppen oder Fan-Demonstrationen  und schafft darüber hinaus Raum zur Bedeutungskonstruktion in der Interaktion mit anderen Zuschauern mit dem Ziel einer Werteorientierung.

Letztlich lässt die Identifikation mit einem – möglichst erfolgreichen – Kandidaten (vgl. Aussage 5) den Jugendlichen an dessen Erfolg teilhaben und befriedigt damit sein Bedürfnis nach Anerkennung und Geltung. Vor allem dann, wenn sich der Jugendliche im Vorfeld für den Erfolg seines Favoriten eingesetzt hat, z.B. in Diskussionen mit anderen Rezipienten oder durch die Teilnahme am Telefonvoting, befriedigt sich in diesem Erfolgserlebnis das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit.

Ein weiterer Aspekt der Faszination liegt in den allgegenwärtigen Grenzerfahrungen und natürlich auch Grenzverletzungen im Rahmen von DSDS:

Zum einen können die Rezipienten verfolgen, welche Grenzen sich die Kandidaten selbst setzen (z.B. wie weit sie den Styling-Forderungen der Jury nachkommen), wie sie mit ihren persönlichen künstlerischen oder psychischen Grenzen umgehen oder auf von außen aufgezeigte Grenzen (z.B. beim Ausscheiden aus dem Wettkampf) reagieren. Im Anschluss werden dann das Verhalten und die Reaktionen der Kandidaten diskutiert. Zum anderen gehören Provokationen und gezielte Grenzverletzungen z.B. durch die Sprüche von Dieter Bohlen oder die Darstellung bestimmter Kandidaten zum Unterhaltungskonzept der Sendung – ein Umstand, der gerade pubertierende Jugendliche durchaus anzusprechen scheint.

Das ganze „Superstar-Thema“ lebt grundsäzlich von der Erwartung, dass es den Kandidaten gelingt, alltägliche Grenzen – insbesondere wohl den Zusammenhang von sozialer Herkunft, Bildungsbiographie und finanziellem und persönlichen Erfolg  -  zu überwinden. Dabei wird das  den Zuschauer vermutlich nicht explizit bewusste Bedürfnis nach sozialer Gleichheit und gesellschaftlicher Teilhabe  (schein?)befriedigt mit einer schlichten „aus dem Alltag ins Rampenlicht“-Inszenierung, der Teilnahme der Zuschauer an einem Entscheidungsprozess und der Möglichkeit einer individuellen Auswahl aus den zum Format gehörenden Konsummöglichkeiten.

Der zum Teil deutlichen, zum Teil subtilen Aufforderung, sich für seinen Lieblingskandidaten mit der Teilnahme an kostenpflichtigen Votings, dem Kauf von Tonträgern oder auf viele andere Arten einzusetzen, kommt der Aufgerufene mit einem Gefühl von persönlicher Verantwortlichkeit und dem damit verbundenen Erleben eigener Bedeutsamkeit natürlich selbstverpflichtend nach – entsprechend seiner individuellen finanziellen und/oder medientechnischen Möglichkeiten.

Um dabei Realitätsnähe und einen authentischen Entscheidungsprozess zu suggerieren, werden die Charaktere und Fähigkeiten der Kandidaten als durchaus diskutabel inszeniert, wobei jedoch die stark vereinfachte, plakative und sehr gezielt auf die Unterhaltungsinteressen des Senders ausgerichtete Darstellung den Spielraum für Diskussionen und externe Bewertungen beschränkt (Lünenborg & Töpper, 2011, S. 36). Tatsächlich werden nur wenige positive bzw. negative Aspekte einander gegenübergestellt, die von der Jury dann beliebig hervorgehoben werden können.

Die Werte bzw. Wertungskriterien werden innerhalb der Sendung wiederholt deutlich formuliert, basiert doch der Spiel- und Wettkampfcharakter des Konzeptes „DSDS“ auf der Begutachtung, Beurteilung und natürlich Bewertung der Bewerber. Die Jury begründet ihre Urteile in der Regel sehr ausführlich und für die Zuschauer möglichst nachvollziehbar und gibt damit einen relativ verbindlichen Rahmen für die Einschätzung eines Kandidaten durch den Zuschauer selbst vor.

Dieter Bohlen als „Hauptfigur“ der dreiköpfigen Jury verkörpert Werte wie Kompetenz, (Fach-)Wissen, Autorität und Ehrlichkeit. Die Zuschreibung dieser Werte zur Person „Bohlen“ werden durch das Konzept der Show und eine entsprechende Inszenierung vorgegeben. Mit geschickten Gestaltungselementen wie Kameraperspektive, Schnitt, Toneffekten, Einspielern, nachträglich eingefügten Bildelementen u.ä. werden bei der Präsentation der Kandidaten interne Bewertungen in einer subtil manipulativen Art und Weise vorgeschlagen, die dem Zuschauer – vor allem bei mangelnder Medienkompetenz – wenig Raum für eine von Bohlens anschließendem Urteilsspruch abweichende, externe Bewertung lässt. In der wiederholt erlebten Übereinstimmung vom „eigenen“ Urteil mit dem Urteil der Juroren festigt sich das Bild von einer kompetenten, harten, aber ehrlichen Jury, deren Autorität man anerkennen muss und deren Urteil man getrost vertrauen kann (Götz & Gather, 2010b, S. 58). Die von der KJM scharf kritisierte öffentliche Bloßstellung und Demütigung einzelner Bewerber in den Castings (KJM, 2010) wird den Zuschauern in diesem Zusammenhang als quasi verdiente Strafe für realitätsferne Selbstüberschätzung präsentiert und der Wert einer ehrlichen, kompetenten Rückmeldung durch einen Fachmann für die persönliche Orientierung und Entwicklung des Kandidaten hervorgehoben (Götz & Gather, 2010a, S. 6f).

Favorisierte Kandidaten werden meistens für Persönlichkeitswerte wie Fleiß, Disziplin, Leistungsbereitschaft, Belastbarkeit, Kritikfähigkeit, Verträglichkeit sowie Anpassungsbereitschaft und -fähigkeit gelobt. Ein Blick auf die aktuelle Shell-Studie zeigt: Die letztgenannten Persönlichkeitseigenschaften und das daraus resultierende Verhalten stehen bei den Jugendlichen hoch im Kurs.

Warum DSDS vielleicht nicht mehr funktioniert:

Die  von der „Autorität“ Dieter Bohlen als erfolgversprechend suggerierten Verhaltensweisen widersprechen inzwischen (?) in weiten Teilen den Wünschen, Erwartungen und eigenen Werthaltungen der Zuschauer:  Fleiß, Ehrgeiz, Leistung und persönlicher Erfolg werden zwar von den Jugendlichen positiv bewertet, die bedingungslose Anpassung an Vorstellungen, Erwartungen und Forderungen von Autoritäten jedoch eher kritisch gesehen. (vgl. Shell-Studie)
Ralf von Appen stellt in seiner Untersuchung z.B. fest, dass, obwohl die Jury dem Faktor “Individualität” einen eher geringen Wert zuschreibt, viele Zuschauer einen Kandidaten mit hohem Individualitätsfaktor als sympathisch beurteilen (von Appen, 2005, S. 202).

Die oft kritisierte Schadenfreude angesichts der Bloßstellung eines Teilnehmers und das “gemeinsames Ablästern” (vgl. oben Aussage 4) sind weniger Ausdruck eines moralischen Verfalls und dem vermeintlich zu befriedigenden Bedrüfnisses  der „Jugend von heute“ nach Grenzverletzungen, sondern haben vielmehr eine soziale Funktion:
In der gemeinsam artikulierten Abgrenzung von dem entsprechenden Kandidaten drücken die Jugendlichen ihre Gruppenzugehörigkeit aus und bestätigen sich gegenseitig ihren eigenen, durch den sozialen Abwärtsvergleich als höher wahrgenommenen Status (vgl. Lünenborg & Töpper, 2011, S. 38f). Hier zeigt sich das Bedürfnis der Jugendlichen nach Gruppenzugehörigkeit, Anerkennung, Selbstbestätigung und Orientierung in Form von einer mit der Gruppe geteilten, gemeinsamen Deutung von Werten. Lästern im Sinne von “Klatsch und Tratsch” ist übrigens ein bewährtes und deshalb in vielen Kulturen oft eingesetztes Mittel, die impliziten Regeln und Regulationsmechanismen der Gesellschaft zu kommunizieren, sei es, um diese Regeln zu vermitteln, sie zu lernen, sich ihrer zu vergewissern oder auch, um ein Regelwerk quasi erst gemeinsam zu erarbeiten. Damit befriedigt das oft kritisierte Lästern das Bedürfnis nach Sicherheit und Orientierung auch in Bezug auf gesamtgesellschaftlich geteilte Wertvorstellungen und erfüllt auch in diesem größeren Rahmen eine wichtige Orientierungsfunktion. Baumeister et al. bezeichnen es daher in diesem Zusammenhang auch als „Cultural Learning“ (vgl. Baumeister, Zhang & Vohs, 2004).
Der Umgang mit den Kandidaten – so wohltuend und deshalb verführerisch soziale Abwärtsvergleiche gerade für bezüglichen ihres eigenen sozialen Status unsichere Jugendliche auch sein mögen – widerspricht jedoch letztlich dem Interesse der Jugendlichen an „sozialmoralischen“ Wertvorgaben. (vgl. Shell-Studie).

In der Studie des AKJM werfen dementsprechend immerhin etwa ein Viertel der befragten Jugendlichen Dieter Bohlen „unangebrachte“, „zu krasse“ oder „fiese Sprüche“ bei der Bewertung der Kandidaten vor und beurteilen seine Art der Rückmeldung als „verletzend“, „gemein“, „demütigend“, und/oder „unfair“ bis hin zu „unmenschlich“, „erniedrigend“ oder „die Menschenwürde verletzend“ (Hackenberg et al., 2010, S. 64).

Außerhalb der Studien zeigt ein Blick in diverse Online-Diskussionen, dass mit inzwischen fast 10 Jahren DSDS-Erfahrung die Medienkompetenz vieler Rezipienten so weit gewachsen ist, dass sie das Format als Ganzes in Frage stellen. So eröffnete z.B. zu Beginn der aktuellen 9. Staffel ein Mitglied der „RTL-Community“ auf der sendereigenen Diskussionsplattform einen Thread mit dem Titel “Wer nimmt DSDS eigentlich noch ernst?”, in dem er DSDS als „DBGM = Dieter Bohlen Geld Maschine“ bezeichnet.

Diese Entwicklung ist wahrscheinlich nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, dass die Mischung aus Wettkampf, Dokusoap und Popmusik – unterstützt von der allgemeinen Medienpräsenz – ein breites, heterogenes Publikum mit z.T. unterschiedlichem (Bildungs-)Hintergrund erreicht (vgl. Lünenborg & Töpper, 2011, S. 37). Die aus der Heterogenität entstehenden unterschiedlichen Lesarten, die in der Folgekommunikation artikuliert werden, begünstigen einen umfassenden Wertediskurs mit viel Potential für ein insgesamt steigendes Reflexivitätsniveau.
Die Begeisterung für das Format scheint nachzulassen – die Einschaltquoten sinken.

Vielleicht wird´s auch einfach langsam langweilig?

Quellen:
Literaturnachweise
Beispiele/ weitere Links zum Thema

Foto: artwork_rebel   lizenziert unter CC BY 2.0

11. Januar 2012
von ponyq
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Video: Digitale Kosmetik für alle

Fotoshop by Adobé from Jesse Rosten on Vimeo.

Zu diesem Thema untersuchte Pamela Rutledge die Theorie, dass die zunehmende Verbreitung “echter Fotos” in sozialen Netzwerken den Einfluss solcher digital gepimpten “Perfektheiten” auf das Selbst- und Körperbild von Frauen wohltuend (und gesundheitsförderlich!) abschwächen könnte.
Die Ergebnisse der  Pilotstudie fließen in den Vortrag “The impact of social media on women’s self-image and self-representation” mit ein. Es scheint sich zu bestätigen, dass die Erwartung von Authentizität in sozialen Netzwerken sich positiv auf die Wahrnehmung und Bewertung “echter Fotos” und damit auch “echter Körper” auswirkt.

An anderer Stelle laufen Aufklärungskampagnen  wie z.B. das oben gezeigte Video.

Gleichzeitig wird der Ruf nach einer Kennzeichnung manipulierter Werbefotos immer lauter – und erfolgreicher:

“Kampf der Barbiefizierung:
Ein Kosmetik-Hersteller zieht eine Anzeige mit Taylor Swift zurück – die amerikanische Kontrollbehörde “National Advertising Division” hatte die exzessive Photoshop-Manipulation angeprangert.”

http://www.sueddeutsche.de/kultur/digitale-bilder-manipulation-kampf-der-barbiefizierung-1.1249959

 

 

 

kindergarten

9. Januar 2012
von ponyq
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Montagsfrage: Sollen ErzieherInnen studieren (müssen) ?

„Früher“ ging Papa arbeiten, und Mama war für die Kindererziehung zuständig. Inzwischen hat  angesichts sich zunehmend verändernder Familienstrukturen (alleinerziehende Elternteile, voll berufstätige Paare) die außerfamiliäre Kinderbetreuung in Institutionen und Tagespflegestellen immer mehr an Bedeutung gewonnen.

Dabei steht nicht mehr nur die Unterstützung und Entlastung der Eltern im Vordergrund. Es werden auch große Bildungs-Hoffnungen gerade in den Bereich der Vorschulpädagogik gesetzt: Die frühkindliche Erziehung in Krippen und Kindergärten soll die Kinder „schlauer“ und „sozialer“ machen – und dabei auch ein eventuell weniger förderliches Klima im Elternhaus ausgleichen.

Die Befundlage zur Entwicklung kognitiver und sozioemotionaler Kompetenzen von Kindern unter dem Einfluss „professioneller“ Betreuung ist durchwachsen. In einem kurzen Überblick könnte man zusammenfassen, dass

  • nach wie vor der größte Einfluss vom Elternhaus ausgeht
  • die Qualität der Betreuung aber eine große Rolle spielt
  • sich die Kinder bei guter Qualität der Betreuung im kognitiven Bereich tatsächlich positiv entwickeln
  • eine früh einsetzende und lang andauernde außerfamiliäre Betreuung aber mit Problemen bei der sozioemotionalen Entwicklung einhergehen kann
  • sich mangelnde Qualität der Betreuung und negative Merkmale der elterlichen Erziehung leider gegenseitig zu verstärken scheinen

Die Qualität der Betreuung ergibt sich einerseits aus den Arbeitsbedingungen (Gruppengröße, Personalschlüssel, Räumlichkeiten usw.), andererseit spielt auch die Qualifikation  der Betreuungspersonen eine wesentliche Rolle.
In diesem Zusammenhang und zusätzlich in Anbetracht der steigenden Anforderungen an eine/n Erzieher/in wird die bisherige Berufsausbildung immer mehr in Frage gestellt. Auch in Deutschland wird nun ein Hochschulstudium für ErzieherInnen gefordert, wie es in den meisten europäischen Ländern schon lange üblich ist.

Die Meinungen zu Sinn und Unsinn einer Akademisierung der ErzieherInnenausbildung gehen auseinander. Es werden Fragen diskutiert wie z.B.

  • Sind Enthusiasmus, Persönlichkeit und „gesunder Menschenverstand“ zur Ausübung dieses Berufes nicht doch wichtiger als wissenschaftliches Denken?
  • Sollte man eventuellen Defiziten in der Ausbildung und neuen Anforderungen nicht besser mit gezielten Weiterbildungsmaßnahmen begegnen?
  • Können im Rahmen eines Studiums der zweifellos notwendige Praxisbezug erhalten und ausreichend praktische Erfahrungen vermittelt werden?
  • Wer soll die höher qualifizierten Kräfte entsprechend höher bezahlen?
  • Wäre es nicht viel dringender, die Arbeitsbedingungen zu verbessern, damit die ErzieherInnen ihre Kompetenzen auch tatsächlich zur Geltung bringen können?
  • Reicht es nicht aus, die Ausbildung einfach „nach oben hin“ durchlässiger zu machen – den in Fachschulen ausgebildeten ErzieherInnen den Zugang zu entsprechenden Studiengängen zu erleichtern, statt die Ausbildung für alle verpflichtend an die Hochschule zu verlagern?
  • Wie und wann könnte überhaupt eine flächendeckende Versorgung mit studierten ErzieherInnen garantiert werden?
  • Gibt es das Berufsbild der ErzieherIn überhaupt noch – oder teilt sich das Arbeitsfeld angesichts des zunehmendem Umfangs der geforderten Kompetenzen schon lange in eigentlich unterschiedliche Berufsbilder auf?

Ich persönlich sehe die Forderung nach einer akademischen Ausbildung für ErzieherInnen eher positiv, weil… (weiterlesen hier)

Interessieren würde mich vor allem das Meinungsbild abseits von Institutionen und Politik. Was sagen Betroffene wie ErzieherInnen, Eltern, Großeltern, (zwischenzeitlich erwachsene) Kinder oder Lehrer zur Akademisierung der ErzieherInnenausbildung:

Sollen ErzieherInnen studieren (müssen) ?

Ich freue mich auf Eure Kommentare!

 

 

 

Meinungen, Diskussionen, Stellungnahmen:

  • Stellungnahme über die Zukunft der Kindertageseinrichtungen und zur Akademisierung der Ausbildung von ErzieherInnen  (2004)
    http://www.dbsh.de/html/erzieherinnen.html
    (war nicht direkt auf das entsprechend Dokument zu verlinken, sorry)

„Der DBSH lehnt eine grundsätzliche Anhebung des Ausbildungsniveaus auf akademische Ebene als Grundlage für den Berufszugang als ErzieherIn ab.“

„Im Interesse der sich abzeichnenden inhaltlichen Herausforderungen, die Förderung und Bildung von Kindern in den ersten Lebensjahren sowie das Dienstleistungsangebot für Familien zu verbessern, braucht es aber eine Neuausrichtung der Erzieherinnenausbildung.“

„Meine Tochter bricht die Ausbildung zur Erzieherin ab, obwohl von allen bescheinigt wird das sie für die praktischen Aufgaben des Kindergartenaltages eine “Naturbegabung” und die dazu notwendige Motivation hat (hatte). Mit knapp 18 Jahren schafft Sie nicht die Hürde “pädagogik = theorie” zu nehmen.“

»Wer nicht rechnen kann, bei dem reichts noch für die Erzieherausbildung«
»Defizite in der Ausbildung können nicht allein über Fortbildungen kompensiert werden«

„Der Aufgabenbereich für ErzieherInnen in Kindertageseinrichtungen hat sich drastisch gewandelt“

 

Studien, Literatur

  • Christine Speth. Rezension vom 27.02.2010 zu:
    Hilde von Balluseck (Hrsg.): Professionalisierung der Frühpädagogik. Verlag Barbara Budrich (Opladen; Farmington Hills, MI) 2008. 260 Seiten. ISBN 978-3-86649-182-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245
    http://www.socialnet.de/rezensionen/6881.php    Datum des Zugriffs 08.01.2012.

„die Professionalisierung der Frühpädagogik als Projekt zu sehen, bei dem pädagogisches Arbeiten arrangiert, begleitet und erforscht werden sollte.“

 

  • “Forschungslage zu den Effekten institutioneller Kinderbetreuung”(Hüsken, Katrin/Seitz, Katharina/Tautorat, Petra/Walter, Michael/Wolf, Karin (2008): Kinderbetreuung in der Familie. Abschlussbericht. München, S. 19-22.

    http://ww.dji.de/bibs/KiBeFa_Abschlussbericht.pdf

  • Zitatensammlung zur “Forschungslage zu den Effekten institutioneller Kinderbetreuung”(Hüsken, Katrin/Seitz, Katharina/Tautorat, Petra/Walter, Michael/Wolf, Karin (2008): Kinderbetreuung in der Familie. Abschlussbericht. München, S. 19-22.
    http://www.erziehungstrends.de/Kinderbetreuung/Forschungslage

„Eine zunehmende Zahl von Studien verweist auf die entscheidende Bedeutung der Qualität der Kinderbetreuung (Erzieherausbildung, Erzieherrate, Zuwendungszeit, Gruppengröße, Curriculum u. a.) im Hinblick auf die Effekte einer institutionellen Kindertagesbetreuung auf die Kompetenzen der Kinder.“

 

Foto von woodleywonderworks
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7. Januar 2012
von ponyq
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Das Gesetz des Schulhofes – aktualisierte Auflage(n)

 

“Das Gymnasium am Krebsberg in Neunkirchen hat eine ungewöhnliche Pausenregelung getroffen: Auf dem Schulhof soll unter anderem nur noch Deutsch gesprochen werden… Handys und provozierende Kleidung sind absofort tabu”

ganzer Artikel: http://www.sr-online.de/sr3/1215/1348892.html

Die Zusammenhänge zwischen schulhoflicher Sprachenvielfalt, kleidungsmediierter Provokation und pausenzeitlichem Handygebrauch auf der einen Seite und Konflikthäufigkeiten sowie Konfliktverlauf auf der anderen Seite wurden natürlich vor Beschluss dieser Maßnahme erfasst, oder?

In Sachen “wahrgenommene Diskrimination” und Ablehnungs-Identifikationsmodell hat sich der Schulleiter ja schon wahrnehmungskorrigierend geäußert, und Efigenia (Muttersprache: Russisch) wirkt auch schon so mittelwahrnehmungskorrigiert:

“Ich hab mich in meiner Kultur angegriffen gefühlt… zuerst war ich dann schon ein bisschen beleidigt, weil ich gedacht hab, die wollen mir jetzt meine Identität klauen…”

Aber nicht doch, das will der Schulleiter auf keinen Fall, er will nur verhindern, dass das harmonische Miteinander auf dem deutschen Schulhof nicht wegen

“Abgrenzung durch Sprache”

und daraus (nur daraus?) resultierender Gruppenbildung verhindert wird.

Zusammen mit dem Bildungsministerium, das nach Aussage von Stephan Körner

“zunächst mal damit nicht so ganz glücklich”

ist, warte ich gespannt auf die Ergebnisse der nachfolgenden (begleitenden?) Evaluation.

Sicher wird aus einem abschließenden Bericht auch deutlich, welche Kleidungsstücke unter “provozierend” fallen. Ob sich allerdings die Theorie “Handy-aus-Internet-geht-wieder-weg” bestätigen wird, das wage ich zu bezweifeln. Na ja, es gibt halt unterschiedliche Wege zur Medienkompetenz.

Während Christian Wilhelm vom Landesamt für Präventives Handeln – (und einige andere anscheinend auch) – die deutsche Sprache unumgänglich als (einzige?) gemeinsame Basis für Integration sehen, bleibe ich solchen Hauruck-Verordnungen gegenüber kritisch:

“Es ist eine soziale Gegebenheit, dass in Europa unterschiedliche Sprachen (auch auf Grund von MigrantInnen und AsylantInnen) koexistieren. Daher scheint es unmöglich und unvernünftig, dass das Bildungssystem eines Staates von einer homogenen Nationalkultur ausgeht und die sprachlich-kulturelle Vielfalt der gewachsenen Gesellschaft ignoriert. So verstandene Sprachenpolitik kann zur Unterdrückung der Minderheiten- und Migrantensprachen und zur Marginalisierung bestimmter Sprachgruppen, die an den Rand gedrängt werden, führen. Die negative Einstellung gegenüber Mehrsprachigkeit und vor allem gegenüber der Benutzung der Muttersprachen führt zur Zersplitterung der Gesellschaft sowie zur Abwertung anderer Nationen gegenüber der „Herrschaftsgesellschaft“.”

Anna Emilia Wojtaszek:
„Migrationsbedingte Mehrsprachigkeit und ihr Einfluss auf die Identitätsbildung“

S.98

PS:
Nach einer empirischen Selbstüberprüfung kann ich gemäß der Saphir-Whorf-Hypothese das Prinzip der sprachlichen Relativität bestätigen:
Mit dem hochdeutschen Kommentar zu dieser Maßnahme kann ich meine muttersprachlich verankerten Emotionen nicht so wirklich treffend ausdrücken.
( “Och nää, ne? Die hann jo eschd kompledd wat am Schwemma” )

Foto von stvkowisbg
lizensiert unter CC BY 2.0

27. Dezember 2011
von Dirk
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Neujahrsvorsätze


Die spaßigen Vorsätze, die man sich wiederkehrend für ein neues Kalenderjahr vornimmt, scheitern zu fast 80%, das hat Richard Wiseman mal untersucht. Obwohl die Studie bereits ein paar Jährchen auf dem Buckel hat, dürfte sich daran wahrscheinlich wenig geändert haben, ebensowenig wie an den “guten” Vorsätzen selber. Ganz vorne wie stets: Gewicht verlieren, mit dem Rauchen aufhören, mehr Sport…

Tatsächlich kann man mit solchen Vorsätzen beinahe nur verlieren, sie greifen nämlich etwas an, was uns in Wirklichkeit sehr lieb und teuer ist, nämlich unsere “schlechten Angewohnheiten”.
Aber was macht diese Angewohnheiten denn “schlecht”? Wer zu dick ist, raucht oder keinen Sport macht, lebt “ungesund”, das weiß der Hausverstand doch.

Lustig. Noch vor einem kurzen, kosmischen Augenzwinkern liefen unsere Vorfahren täglich Gefahr, von einem Säbelzahntiger gefressen zu werden, zu verhungern, an Pest/Grippe/Wundbrand zu krepieren oder einfach von einem miesepetrigen Nachbarn erschlagen zu werden. Im 17. Jahrhundert war die Sterblichkeitsrate im Kindesalter so hoch, dass in Europa eine durchschnittliche Lebenserwartung von 17 Jahren herrschte.
Und wir denken ernsthaft darüber nach, was doch die Tüte Chips abends vorm Fernseher für ein großes Unheil darstellt?

Man könnte meinen, unser Leben hätte ein bißchen an Nervenkitzel verloren. Das kompensieren wir wohl nicht mit Fastfood und Kippen. Eventuell mit Extremsport, was nach den Kriterien des Hausverstands wohl nicht als schlechte Angewohnheit gilt? (These: der durchschnittliche Bungee-Jumper/Fallschirmspringer/Marathonläufer/Gleitschirmflieger hat sonst eine eher überdurchschnittlich “gesunde” Lebensweise. Jemand Einwände?)
Oder vielleicht aber eben doch durch einige kleine Alltagsrisiken?

Tatsächlich profitieren wir von unseren schlechten Angewohnheiten, sonst hätten wir sie ja nicht. Fettes Essen macht uns zum Beispiel glücklich, sagt Professor Daniele Piomelli von der University of California, Rauchen beruhigt uns (“Rauchen trägt zu der Distanz bei, die man braucht, um eine Sache in ihrer Gesamtheit zu betrachten.” Winston Churchill) und ist ein kommunikatives Werkzeug, Faulheit ist ein klarer Evolutionsvorteil.

Wir haben sie eben nicht ohne Grund, unsere schlechten Angewohnheiten…vielleicht auch ein kleines Stück persönliche Freiheit in einer eher lustfeindlichen Gesellschaft, die den üblen Spuk der Volksgesundheit noch in sich trägt?
Wer, wenn es denn nun nochmal zwölf zum Jahreswechsel schlägt, und (meistens übrigens tatsächlich betrunken) sich nochmal seiner schlechten Angewohnheiten entledigen möchte, kann dies gerne tun und ich wünsche von Herzen gutes Gelingen. Allerdings fände ich es nützlich und ergiebig, sich erst mit dem eigenen inneren Schweinehund mal auf eine Zigarette und eine Portion Pommes an einen Tisch zu setzen und mit ihm zu diskutieren, warum er sich denn auch in der Vergangenheit so quergestellt hat mit den Neujahrsvorsätzen. Meist hat er auch ein paar gute Gründe für die schlechten Angewohnheiten vorzubringen. Prost Neujahr.

“”Es gibt Menschen, die auf alles Essbare, Trinkbare, Rauchbare verzichten, das ein irgend schlechtes Ansehen bekommen hat. Sie machen dieses Opfer für die Gesundheit. Und alles, was sie davon haben, ist Gesundheit. Wie merkwürdig. Es ist, wie wenn man ein Vermögen bezahlte für eine Kuh, die keine Milch mehr gibt.”” Mark Twain

Bilder:
FrenchFries (morgueFile.com)
Meeting (mit freundlicher Genehmigung, alle Rechte vorbehalten)

26. Dezember 2011
von Sascha
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Bildungs-Paradigmen verändern

Dies ist eine der wenigen mir bekannten Darstellungen, die ich für ziemlich vollständig halte. Und richtig genial. Daher erübrigt sich eigentlich jeder Kommentar.

Sir Ken Robinson ist einer der weltweit führenden und einflußreichsten Bildungsexperten. Wenn man sich das RSA Animate einmal anschaut, dämmert es, warum das so ist.

Die konkrete Darstellung bezieht sich auf offensichtlich auf nordamerikanische Verhältnisse, aber das Gesagte und Skizzierte läßt sich auf alle westlichen Industrienationen übertragen. Und wird ganz genauso auch hier in Deutschland diskutiert.

Was läuft falsch im Bildungssystem ? Wie sollte es denn aussehen ? Wie soll Bildung ablaufen, wenn wirtschaftliche Entwicklungen potentiell unabsehbar sind ? Was haben Ritalin und Kreativität damit zu tun ? Was ist divergentes Denken ? Was soll die Unterteilung in akademische und nicht-akademische Laufbahnen ? Was soll die fabrikmäßig räumlich-zeitliche Gestaltung schulischer Lernumgebungen ? Warum ist Kooperationsfähigkeit im Job eine Schlüsselqualifikation und in der Schule simples Täuschen, das hart bestraft wird ? Was haben wirtschaftliche und emanzipatorische Bildungsinteressen miteinander zu tun ? Wie hängt das alles überhaupt miteinander zusammen ?

Dazu noch eine kurze Geschichte der Schulbildung. Und lustig.

11 Minuten Lebenszeit, also: keine Ausrede mehr. Gucken. Wer danach immer noch keine Ahnung hat, dem unterstelle ich Absicht.

 

 

18. Dezember 2011
von Sascha
3 Kommentare

Konnektivismus – lernt ihr noch oder vernetzt ihr schon ?

Noch ne Lerntheorie – warum eigentlich ?

Jede Zeit kriegt die Theorien, die sie verdient. Behaviorismus und Kognitivismus sind Kinder ihrer Zeit, genauso wie Konstruktivismus und subjektwissenschaftliche Ansätze die Diskussion ums Lernen in unserer Zeit bestimmen. Und zwar, weil sie einfach gerade passen. Gesellschaftliche Megatrends wie technologischer Wandel, Individualisierung und Globalisierung erfordern auch Neudiskussionen des Lernens. Weil wir darin übereinstimmen, daß durch Lernen eine Gesellschaft erst reproduzierbar ist. Weil nur dadurch gesellschaftlich verwertbares Wissen und erwünschte Werte erzeugbar sind.

Witzigerweise hat immer noch niemand so richtig eine Idee, was Lernen eigentlich genau sein soll.

Der Konnektivismus nach George Siemens (2006), den ich hier darstellen möchte, weiß das auch nicht so genau. Das ist auch nicht nötig, denn Konnektivismus ist keine Lerntheorie im eigentlichen Sinne. Obwohl er sich eingehend mit Lernen und Wissen auseinandersetzt. Eigentlich ist er eher ein medienökologisches Rahmenmodell, in seiner Funktion ähnlich wie das von Nicola Döring (2003, S. 186 ff). Allerdings bezogen auf Erwerb und Umgang mit Wissen in einem (und das ist wichtig) Kontext von Möglichkeiten, die vorher nicht existierten.

Der Konnektivismus ist überhaupt nichts fundamental Neues. Ganz bewußt weist er behaviorisitischen,  kognitivistischen und konstruktivistischen Ansätzen einen berechtigten Platz zu und abstrahiert von deren möglichen „Allmachtsansprüchen“. Insofern könnte man den „-ismus“ auch weglassen. Er ist so demokratisch wie sein Gegenstand, vielleicht macht ihn das für mich so sympathisch..

Wissen und Lernen sind auch hier zentrale Begriffe. Wie sieht der Konnektivismus diese Konstruktionen ?

Ich bleibe im Folgenden eng an Siemens´ Darstellung, werde aber meinen Senf dazugeben.

Alle Übersetzungen aus dem englischen Original sind von mir. Also sind auch alle verunglückten Versuche darin, die zu Mißverständnissen in der Argumentation führen könnten, mir anzulasten, nicht etwa Herrn Siemens. Insoweit dieser zitiert wird, beziehen sich sämtliche Quellenangaben auf sein Werk “Knowing Knowledge” (2006), wie es in der Literaturliste aufgeführt wird.

 

Wissen

Alles fließt

Im Konnektivismus wird Wissen wird als Fluß betrachtet, der einer individuellen, kooperativen oder organisationalen Art von Wissenserzeugung entspringt. Es folgen die Stufen (Siemens, S. 6):

  • Ko-Kreation: Indem man auf der Arbeit anderer aufbaut, diese erweitert oder verändert, werden Innovationen schneller und leichter möglich. Diese Stufe bezieht sich schon auf die Möglichkeiten der Social Media und ist relativ neu im Vergleich zu den Folgenden.
  • Verbreitung: Analyse, Auswertung und Filtern des erzeugten Wissens durch das Netzwerk
  • Kommunikation: Die zentralen Ideen, die die Verbreitung überlebt haben, werden mit einigem Gewicht propagiert
  • Personalisation: Sich das Wissen individuell zu eigen machen, z.B. mit klassischen kognitivistisch-konstruktivistischen Methoden (Internalisierung, Dialog, Reflexion)
  • Implementation: Anwendung des personalisierten Wissens. Gucken, ob es was taugt

Die Wissensarten, die Siemens (S.10) nennt, sind großenteils auch schon Teil etablierter Taxonomien.

  • Wissen über: Das altbekannte Faktenwissen, deklaratives Wissen. Wissen, daß die Sonne aufgeht und daß ich meine Brötchen beim Bäcker bekomme.
  • Wissen wie: Prozedurales Wissen. Wissen, wie ich einen  Reifen wechsele.
  • Seins-Wissen: Das ist in dem Zusammenhang relativ neu: Siemens bezeichnet dies als „Wissen mit Menschlichkeit anreichern“ (S. 10). Dieses Konzept läßt sich gut mit dem dem der „Personalkompetenz“ im Rahmen der Diskussion um Schlüsselkompetenzen in Einklang bringen.
  • Wissen wo: Jedem bekannt: wissen, wo man Wissen herbekommt, wenn man es braucht.
  • Transformationswissen: Bisher als “Meta-Wissen” oder “Metakognitionen” bekannt. Fähigkeiten zur Steuerung der Wissensaufnahme. Reflexion über das eigene Lernen und das eigene Wissen.

Wo ist die Konnektivität bei alledem ?

Hier bezieht sich Siemens auf Downes (2005, zitiert nach Siemens, 2006, S.16):

Eine Eigenschaft einer Entität muß zu einer Eigenschaft einer anderen Entität führen oder werden, damit sie als verbunden betrachtet werden können. Das Wissen, das aus solch einer Verbindung resultiert, ist verbindendes Wissen

Ziemlich schwammig, also identifiziert Siemens vier Eigenschaften konnektiver Wissensnetzwerke (ebenda):

  • Diversität: Ein größtmögliches Spektrum an Standpunkten muß realisiert sein.
  • Autonomie: Die Individuen müssen freibestimmt nach eigenem Wissen und Wollen an der Interaktion teilnehmen, nicht aus Veranlassung einer außenstehenden Instanz oder als Agenten zur Verstärkung bestimmter Meinungen.Vernunft und Reflexion als Merkmale, nicht Quantität.
  • Interaktivität: Das erzeugte Wissen muß Ergebnis der Interaktion sein, nicht ein reines Zusammentragen von Meinungen. Es muß also etwas Neues aus Bekanntem entstanden sein, quasi etwas Kreatives.
  • Offenheit: Es muß ein Mechanismus vorhanden sein, der das Einbringen einer bestimmten Perspektive in das System ermöglicht, damit andere damit interagieren können. Problemlos in Social Media realisierbar.

Dies erscheint auf den ersten Blick für manche wohl erschreckend: völlige Freiheit bei der konnektiven Wissenskonstruktion verlangt auch einiges an Bemühungen und Verantwortung. Raus aus den liebgewordenen Puschen des Vorgekauten Kommen und Aktivwerden, sind angesagt. In diesem Zusammenhang muß sich die Frage stellen, wie es denn um die Güte des so erzeugten Wissens bestellt sein mag. Bisher war der Maßstab, zumindest wissenschaftlicher Wissenserzeugung, daß nur ausgewiesene Expertenmeinungen zur „Transformation“ zugelassen waren. Denken wir nur an die immer noch propagierte Zitier-Unwürdigkeit von Wikipedia. Siemens nimmt sich des Themas an und stellt die Frage nach der Vertrauenswürdigkeit von Wissensquellen: Dies betrifft auch den fundamentalen Unterschied zwischen Wissen als Produkt (gewohnter Zustand) und Wissen als Prozeß (eher neu). ( S. 22).

  • Expertenmeinungen werden durch bewährte Netzwerke von auf ähnlichem Gebiet Tätigen verbreitet, die in irgendeiner Weise schon zertifizierte Verdienste erworben haben. Man denke an die peer-review-Verfahren vor der Veröffentlichung wissenschaftlicher Fachartikel.
  • In Zukunft ist diese Art der Bewertung von Wissen unter Druck durch den massiven Zuwachs an Wissen. Die zentrale Frage stellt sich, ob eine Gruppe ebenso effektiv/vertrauenswürdig wie ein Experte sein kann. Siemens gibt darauf eine Antwort: sie wird es müssen. Enthierarchisierung und Demokratisierung als gesellschaftliche Tendenzen fordern auch ihren Anteil an der Wissenserzeugung:

Statt durch Anweisung- und Kontrollmodelle werden Richtlinien durch Dialog und Transparenz erzeugt. (Siemens, 2006, S. 23)

Lernen

Nach Siemens (S. 27) ist konnektivistisches Lernen das, was zu konnektivistischem Wissen führt und muß daher zwangsläufig diese Merkmale aufweisen:

  • Chaotisch: Abschied von mundgerechten Häppchen, Lernen kann auch drunter und drüber gehen.
  • Kontinuierlich: Anlaßbezogenes Lernen (wenn ich es brauche) löst das „Vorratslernen“ ab.
  • Ko-kreativ: Experten und Amateure erzeugen partnerschaftlich Wissen
  • Komplex: Lernen als komplexes adaptives Sytem. Geschenkt.
  • Verbundene Spezialisierung: Hier kommt die konnektivistische Perspektive zum Tragen: Komplexität und Diversität heutigen Wissens ergeben spezielle Knoten im Wissensnetzwerk, da ein Individuum alleine nicht mehr alles wissen kann. Wissenszuwachs und Lernen erfordern spezialisierte, miteinander verbundene Knoten.
  • Kontinuierlich vorläufige Gewißheit . Eine sehr schöne Formulierung, die sich einen Platz in meiner Aphorismensammlung gesichert hat.Wissen und Gewißheit sind nur Momentaufnahmen. Wissen fließt, gefragt ist beim Lernen in Zukunft ein gerüttelt Maß an Unsicherheitstoleranz.

Insbesondere das anlaßbezogene Lernen, teilweise das chaotische und die Ko-Kreation sind altbekannte und teilweise auch schon realisierte Aspekte, insbesondere in der beruflichen Aus- und Weiterbildung in Deutschland. Basis sind hier gemäßigt konstruktivistische (z.B. Reich, 2008; Siebert, 1998) und subjektwissenschaftliche theoretische Ansätze (vgl. Holzkamp, 1995).

Was ist denn nun Lernen für den Konnektivisten ?

Konsequenterweise ist Lernen in konnektivistischer Sicht der Prozeß der Netzwerkerzeugung mit Knoten und Relationen. Die Knoten sollen dabei externe Einheiten sein wie z.B. andere Menschen, Organisationen; klassisch: Bibliotheken, Bücher (Siemens, S. 29). Diese Vorstellung ist natürlich auch nicht neu: das Auslagern von Informationen in andere Menschen, Artefakte und deren Nutzung als externe Speicher ist im Gegenteil schon immer praktiziert worden. Das nennt man auch Kultur.

Der Lernakt wird charakterisiert als doppelter Prozeß:

-          Externes Netzwerk aufbauen aus Wissensknoten

-          Internes Netzwerk: Verbindungen und Verstehensmuster

Hier wird deutlich, warum ich anfangs geschrieben habe, daß noch niemand so richtig weiß, was Lernen eigentlich ist. Die konnektivistische Vorstellung bringt hier eher wenig Fortschritt gegenüber traditionelleren Ansätzen, ja bezieht kognitivistische Vorstellungen mit ein. Aber das soll auch, wie erwähnt, nicht der Anspruch sein. Schauen wir lieber, was der Konnektivismus nach Siemens nun sein will (S. 30)

Konnektivismus ist eine Theorie, die beschreibt, wie Lernen im digitalen Zeitalter stattfindet. Die Erforschung traditioneller Lerntheorien stammt aus einer Ära, als Netzwerktechnologien weniger verbreitet waren. Wie verändert sich Lernen, wenn der Wissenszuwachs so überwältigend ist und die Technik viele grundlegende Aufgaben ersetzt, die wir zuvor selbst übernommen haben ?

 

Eine Sammlung konnektivistischer Schlagworte:

Die Verbindungen, die uns Lernen ermöglichen, sind wichtiger als unser aktueller Wissensstand

“Wissen, wo” und “Wissen, wer” sind heutzutage wichtiger als Wissen, was und wie” (S. 32)

it´s the pipe that matters, not only the content(ebenda)

 Wissen ist ein Fluß, kein Stausee

Wissen ist ein Prozeß, kein Produkt (S. 53)

Auch keine Neuentdeckungen. Jeder Erstsemester bekommt den alten Spruch zu hören: „Du mußt nicht alles wissen; nur, wo es steht“. Natürlich sind die von den Konnektivisten ja zugestandenen früheren externen Netzwerkbildungen mittels traditioneller Medien damit gemeint – neu sind lediglich die gegenwärtigen Medien und deren ungleich größere Kapazitäten zur Informationsverbreitung. Dies macht die Neuheit des Ansatzes primär zu einer Informationsselektionsproblematik.

Das bisher Dargestellte faßt Siemens in einigen Prinzipien des Konnektivismus zusammen, die wiederum wörtlich wiedergegeben werden sollen (S. 31):

  • Lernen und Wissen erfordern Meinungsvielfalt, um das Ganze zu repräsentieren… und um eine Wahl des besten Ansatzes zu ermöglichen.         
  • Lernen ist ein Prozeß der Netzwerkbildung, der die Verbindung spezialisierter Knoten oder Informationsquellen umfaßt.
  • Wissen wird in Netzwerken aufbewahrt.
  • Wissen kann in nicht-menschlichen Anwendungen aufbewahrt werden und Lernen wird durch Technologie ermöglicht/erleichtert.
  • Die Fähigkeit mehr zu wissen ist wichtiger als das, was aktuell gewußt wird.
  • Lernen und Wissen sind ständig weitergehende Prozesse (keine Endzustände oder Produkte)
  • Die Fähigkeit, Verbindungen und Muster zu erkennen sowie den Sinn quer durch Fachgebiete, Ideen und Konzepte zu erkennen, ist die heutige Schlüsselqualifikation.
  • Ein ständiger Fluß (passendes, aktuelles Wissen) ist das Ziel jeglicher konnektivistischer Lernaktivität
  • Entscheidungsfindung ist Lernen. Die Auswahl des Lerngegenstands und die Bedeutung  aufgenommener Informationen werden aus der Sicht einer sich ändernden Realität gesehen. Während momentan vielleicht eine richtige Antwort existiert, könnte diese vielleicht morgen schon aufgrund veränderter Informationslage falsch sein.

 

Konnektivismus vs. traditionelle Lerntheorien

Der Schwachpunkt bisheriger Lerntheorien war nach Siemens also das heutige schnelle Wissenswachstum. Die bisherigen Erklärungsansätze zum Lernen sind mit dem Konnektivismus allerdings nicht obsolet geworden, sondern gehen darin auf. Lernen hat viele Dimensionen: keine einzelne Vorstellung kann alle Aspekte abdecken: Der KONTEXT ist zentral ! So bleiben für alle bisherigen Lerntheorien Bereiche, in denen sie weiter Bestand haben können (S. 34):

  • Das klassische Transmissionslernen (Behaviorismus, Kognitivismus)
  • Emergenzlernen: Expertenlernen, tiefes Lernen (Kognitivismus)
  • Aneignungslernen: das erkundende Lernen (Kognitivismus, Konstruktivis-mus)
  • Zuwachslernen: selbstgesteuert, je nach Kontext und aktuellem Bedarf, expansives Lernen (Konstruktivismus, subjektwissenschaftlicher Ansatz)

Unsere Lösung liegt in der Betrachtung des Ganzen. Monochromatische, ein-Modell, ein-Ansatz – Vorstellungen funktionieren nicht in komplexen Zusammenhängen wie sie für Lernen und Wissen charakteristisch sind. Nuancen, Kontinuen und verwischte Grenzen sind unsere neue Realität. (S. 39)

Es geht also darum, „kognitive Kapazitäten ins Netzwerk auszulagern und den Fokus der Lernenden von der Informationsverarbeitung auf Mustererkennung zu verlagern“, so daß ein „Denken(…) auf höherem Niveau möglich wird“ (Siemens, S. 43)

Zu wissen bedeutet heutzutage, verbunden zu sein. Wissen bewegt sich zu schnell als daß Lernen nur Produkt sein könnte. Früher erwarben wir Wissen, indem wir es uns selbst nahe brachten. Wir nannten das `Wissen besitzen` – es in unseren Köpfen haben. Wir können nicht mehr alles benötigte Wissen besitzen. Wir müssen es in unseren Freunden oder innerhalb der Technologie speichern (S. 51)

 

Gesellschaftliche Auswirkungen

So ganz voraussetzungslos scheint die Sache nach allem, was wir bisher gesehen haben, also nicht zu sein. Irgendwie bekommt man schon ein etwas mulmiges Gefühl in Richtung Zwei-Klassen-Gesellschaft. Siemens stellt selbst die wichtige Frage, die er auch gleich beantwortet (S. 64):

Wer sind die neuen Unterdrückten ?

Die Unterdrückten der digitalen Welt sind:

1. Diejenigen ohne Zugang zu den Werkzeugen globaler Kommunikation

2. Diejenigen ohne Fertigkeiten, einen Beitrag zur globalen Diskussion zu leisten

 

Verschärft wird die Situation durch gesellschaftliche und technische Veränderungen, die auf Wissenserwerb durchschlagen: Der Rahmen künftigen Wissens und des Wissenserwerbs ist schon ein dicker Brocken (Siemens, S. 111):

  • Quantitative Überlastung:  Wissen wird hilfsweise in Netzwerken gespeichert.
  • Überlastung durch Diversität: Wissen befindet sich im Kollektiv vieler verschiedener Standpunkte. Dies erfordert neue Fertigkeiten der Interaktion, insbesondere da Schulen immer noch Kompetenzen vermitteln, die einer Ära angemessen sind, die nicht mehr existiert.
  • Überholte Fertigkeiten: Fertigkeiten, die zur Navigation durch hierarchisches und strukturiertes Wissen geeignet waren, entsprechen nicht mehr unseren Bedürfnissen. Erforderlich sind Erkundungsfertigkeiten
  • Dehumanisierung: Wir müssen immer noch lernen, in diesem (virtuellen) Raum Mensch zu sein, Emotionen auszudrücken.
  • Bewertung / Authentizität: Wie wird Autorität erzeugt ? Wie können wir wissen, wem wir vertrauen können ? Ist die Bewertung durch Gleichgestellte genauso bedeutsam wie die Bewertung über etablierte Modelle durch Experten ?
  • Identität: Dritte können unsere Identität und Autorität bewerten und kommentieren

 

 Also: was müssen künftig Lernende beherrschen ?

Hier bezieht sich Siemens (S. 113) auf Standards zur Informationsgrundbildung für höhere Bildung des US-Verbandes der College- und Forschungsbibliotheken. Dieser definiert Informationsgrundbildung als „Erkennen, wann Information gebraucht wird und die Fähigkeit besitzen, benötigte Information zu lokalisieren, auszuwerten und effektiv zu nutzen.“[1] Insoweit gilt das unabhängig von bestimmten Medien

  • Verankern: Fokussiert bleiben auf wichtige Aufgaben im Beisein einer Flut von Ablenkungen.
  • Filtern: Regulierung des Wissensflusses und Herauslösen wichtiger Elemente
  • Verbinden: Aufbau von Netzwerken, um sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten.
  • Menschlich bleiben: Als Mensch interagieren, nicht nur zweckbezogen. Auf gegenseitig bezogener Ebene interagieren, um einen sozialen Raum zu bilden.
  • Bedeutung erzeugen und ableiten: Implikationen verstehen, Bedeutung und Auswirkungen erkennen
  • Bewertung und Identitätsprüfung: Den Wert von Wissen und dessen Authentizität einschätzen.
  • Veränderte Prozesse der Bewertung: Menschen und Ideen innerhalb eines bewertungsangemessenen Kontextes einschätzen.
  • Kritisches und kreatives Denken: Hinterfragen und weiterspinnen.
  • Mustererkennung: Trends und Muster extrapolieren.
  • Navigation durch die Wissenslandschaft: Beim Erreichen beabsichtigter Ziele zwischen Aufbewahrungsorten von Wissen, Menschen, Technologien und Ideen navigieren.
  • Akzeptanz von Unsicherheit: Bekanntes und Unbekanntes ausbalancieren, um das Verhältnis von existierendem zu nicht vorhandenem Wissen zu erkunden.
  • Kontextualisierung: Die zentrale Bedeutung des Kontextes verstehen, Kontinuen erkennen.

 

Fazit und Gedankenfetzen

Die geforderten Fähigkeiten sind eigentlich schon immer Bestandteile eines optimalen Umgangs mit Wissen gewesen. Wie Siemens richtig bemerkt, ist die Besonderheit der aktuellen Situation in der allgegenwärtigen, prinzipiell unbegrenzten Verfügbarkeit von Wissen und dessen exponentiellem Wachstum IN DIESEM KONTEXT der Vefügbarkeit zu sehen. Klassische Kulturtechniken müssen daher unbedingt durch eine informationelle Grundbildung ergänzt werden, wenn die vorhandene Kluft zwischen Digital Natives, Digital Immigrants und No Digitals überwunden werden soll. Langfristig droht sonst eine weitere Spaltung von Gesellschaften und eine Art Wissensoligarchie, wie sie in Ansätzen heute schon zu finden ist. Dies wird von Siemens auch angesprochen.

Bis dahin handelt es sich bei dem Konnektivismus eher um eine Umschreibung eines idealen Umgangs mit Wissen im Kontext von irrsinnigem Wissenswachstum und Verfügbarkeit. Sein Verdienst besteht in einer Integration vorhandener Modelle und seiner zutiefst demokratischen Grundhaltung. Wo die Werte herkommen sollen, die in einem konnektivistischem Kontext neben der Information ja auch verbreitet werden sollen, bleibt aber unklar bzw. in der Verantwortung jedes einzelnen Konnektivisten. Insgesamt also eine Vorstellung, deren Realisierung viele Voraussetzungen erfordert und damit vorerst auf diejenigen beschränkt bleibt, die es im Bereich der Wissensarbeit ohnehin schon zu einigem Expertentum gebracht haben.

Eine eigene Lerntheorie wird mit dem Konnektivismus meiner Ansicht nach allerdings nicht begründet. Das ist aber auch nicht nötig. Als Panoptikum und Integration schon geleisteter Beiträge konzentriert er sich auf die besondere Ökologie des Umgangs mit Wissen in maximal erweiterten Wissenslandschaften. Das ist Beitrag genug und aller Ehren wert !

 

Literatur

Döring, N. (2003). Sozialpsychologie des Internet: die Bedeutung des Internet für Kommunikationsprozesse, Identitäten, soziale Beziehungen und Gruppen (2., vollständig überarbeitete und erweiterte Aufl.). Göttingen: Hogrefe.

Holzkamp, K. (1995). Lernen – Subjektwissenschaftliche Grundlegung. Frankfurt/Main: Campus.

Reich, K. (2008). Konstruktivistische Didaktik. Lehr- und Studienbuch mit Methodenpool (4. Aufl.). Weinheim: Beltz.

Siebert, H. (2005). Pädagogischer Konstruktivismus.Lernzentrierte Pädagogik in Schule und Erwachsenenbildung (3., überarbeitete und erweiterte Aufl.). Weinheim: Beltz.

Siemens, G. (2006). Knowing Knowledge. Retrieved December 20, 2011 from http://www.knowingknowledge.com.



[1] http://www.ala.org/acrl/sites/ala.org.acrl/files/content/standards/standards.pdf

28. November 2011
von Laura
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BGM – “Gesunde Mitarbeiter – Gesunde Unternehmen”

Im Rahmen meines Psychologie-Studiums bin ich momentan auf der Suche nach einem geeigneten Praktikumsplatz. Und als ich mich dann so durch die verschiedenen Job-Börsen geklickt hab, ist mir eine Praktikumsstelle besonders ins Auge gestochen… Deren Inhalt möchte ich im Folgenden kurz vorstellen.

 

Betriebliches Gesundheitsmanagement

In Zeiten der Industrialisierung und des technischen Fortschritts sind Krankheiten aufgrund psychischer Belastungen heutzutage präsenter denn je. Immer mehr Menschen halten dem Druck unserer schnelllebigen Gesellschaft nicht mehr stand, was sich nicht selten in Form von psychischer Belastung und auch in psychosomatischen Störungen niederschlägt.

Eine im Auftrag der Techniker-Krankenkasse durchgeführte repräsentative Studie von 2009 ergab, dass 80% der Deutschen ihr Leben als stressig empfinden, sogar jeder Dritte gab an, unter Dauerdruck zu stehen. Bereits 20% leiden an gesundheitlichen Spätfolgen, angefangen von Schlafstörungen bis hin zum Herzinfarkt. Hauptursachen sind meist der Job und/oder finanzielle Belastungen.

Dies schlägt sich nicht nur im Gesundheitssystem nieder, auch die Wirtschaft muss starke Einbußen verkraften. 2008 waren Arbeitnehmer in Deutschland fast 10 Millionen Tage aufgrund von Burnout-Symptomen krank geschrieben, das bedeutet einen Anstieg um 17% im Vergleich zum Jahr 2004 – und eine Besserung ist vorerst nicht in Sicht.

Doch viele große Firmen reagieren jetzt mit gesundheitsfördernden Maßnahmen – fachsprachlich betriebliches Gesundheitsmanagement (kurz: BGM) genannt.

 

Was ist BGM?

Allgemein versteht man unter BGM unterschiedliche Fördermaßnahmen in zwei Richtungen: zum Einen möchte man Arbeitsbedingungen gesundheitsgerecht gestalten, und zum Anderen liegt es im Interesse einen gesunden Lebensstil der Beschäftigten zu fördern.

Konkret integriert BGM drei Teilmaßnahmen mit jeweils einer Fülle von unterschiedlichen Bereichen:
Präventionsmaßnahmen dienen dem Abbau und der Vorbeugung von gesundheitlichen Risikofaktoren, angefangen bei solch banalen Themen wie der Anschaffung einer Hebehilfe zum Bewegen schwerer Lasten, bis hin zu Schulungen zum Umgang mit schwerem Gerät.
Gesundheitsförderungsmaßnahmen zielen auf die Förderung und Stärkung von gesundheitlichen Schutzfaktoren ab. Diese beinhalten beispielsweise das Bereitstellen eines Angebots an gesunder Pausenverpflegung, Angebote zu unterschiedlichen Kursen (unter anderem Kurse zur Stärkung der Rückenmuskulatur), ect.
Nicht zu vergessen sind natürlich auch verhältnispräventive Maßnahmen, welche sich auf die äußeren Arbeitsbedingungen beziehen. Dazu zählen mitunter angemessene Arbeitsmengen/Arbeitszeiten, ein gewisser Verantwortungsspielraum und auch ergonomische Gestaltung von Arbeitsmitteln.

 

BGM als Langzeitaufgabe

BGM darf nicht als eine einzige Maßnahme, die langfristig zum Erfolg führt verstanden werden. Vielmehr ist BGM ein fortschreitender Zyklus mit folgenden Komponenten:

  • Bedarfsanalyse: Wo stehen wir?
  • Planung: Wo wollen wir hin?
  • Intervention: systematisch ausgeführte Maßnahmen und Aktivitäten durchführen – dabei Probleme identifizieren und Lösungen erarbeiten!
  • Evaluation: Haben sich unsere Erwartungen erfüllt? Wo liegen Hindernisse und wie lassen sich diese beheben?
  • –> Ausgangspunkt neuer Planung und Veränderung in der Intervention!

Wie man sieht ist BGM also ein langfristiger Prozess, welcher immer wieder an neue Begebenheiten angepasst werden muss um anhaltende Zufriedenheit und Stabilität zu bewirken.

 

Wozu die ganze Mühe?

Getreu nach dem Motto “Gesunde Mitarbeiter- Gesunde Unternehmen” verspricht BGM multifunktionale Verbesserungen: mehr Gesundheit bei gleichzeitig niedrigeren Kosten, gesteigerte Arbeitszufriedenheit und damit nicht zuletzt auch eine höhere Produktivität.

Diese Faktoren sind heute wichtiger denn je, denn in Zeiten des wirtschaftlichen Konkurrenzdrucks ist ein schlechtes Betriebsklima und schlechte gesundheitliche Bedingungen für große Unternehmen untragbar.

Kosten-Nutzen-Analysen bestätigen die positiven Effekte und die Rentabilität eines betrieblichen Gesundheitsmanagements. Jeder durch BGM eingesetzte Euro spart Unternehmen im Schnitt zwei bis zehn Euro.

Auf der Nutzenseite sollte man seinen Blick auf die Mitarbeiter richten: oft entstehen hohe Fehlzeiten durch Unzufriedenheit, welche wiederum nicht selten zu innerlicher Kündigung führt. Ein “innerliches Abschließen” hat erhebliche Folgen auf die Produktivität des Mitarbeiters – und genau deshalb ist Mitarbeiterzufriedenheit ein sehr wichtiges Thema. Untersuchungen haben nachgewiesen, dass durch BGM die Fehlzeitenquote um durchschnittlich 26% gesenkt werden konnte.

 

BGM – das Unternehmen als Alleinunterstützer?

BGM ist eine große Aufgabe für Unternehmen, doch die Unternehmen stehen mit dieser Aufgabe nicht alleine da.

Unterstützung finden sie zum Beispiel bei vielen Krankenkassen, denn die Gesundheit der Arbeitnehmer liegt natürlich auch in deren Interesse.
Eine weitere Instanz, die davon profitiert ist natürlich auch der Staat. Deshalb werden deutsche Unternehmen seit 2009 staatlich in der Förderung der Mitarbeitergesundheit unterstützt. Pro Mitarbeiter und Jahr bekommen Unternehmen 500 Euro lohnsteuerfrei um in die Mitarbeitergesundheit zu investieren.

 

Alles in allem also eine lohnende Sache, die jedoch ohne aktive Beteiligung aller Betroffenen nicht funktionieren kann.

Zu dem ein interessanter Bereich, allemal ein sechsmonatiges Schnupper-Praktikum wert! ;-)

 

 

 

Quellen:

http://www.bkk-bgm.de/index.php?option=com_scms&Itemid=189&thema_id=2

http://www.derwesten.de/panorama/mehr-arbeitsausfall-durch-psychische-erkrankungen-id546689.html

http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=36581

http://www.bgm-bielefeld.de/

 

 

25. November 2011
von ponyq
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Pädagogische Diagnostik ?

Sie kommt nicht gut weg, die pädagogische Diagnostik, zumindest nicht in den Büchern, die ich im Moment so am Wickel habe…

Es fängt schon wenig überzeugend mit den Schuleignungstests an:
Beurteilt werden sollen soziale, emotionale, motorische und kognitive Kompetenzen. Getestet werden aber oft nur die kognitiven Fähigkeiten.
Wer laut Test wegen diverser Defizite lieber mal noch ein Jahr von der Einschulung zurückgestellt wird, muss noch ein Jahr länger auf die Förderung seiner mangelnden Kompetenzen verzichten. Es sei denn, es wird in dieser Zeit ein sinnvolles „Ersatzförderprogramm“ angeboten. Dann drängt sich allerdings die Frage auf, wieso diese ausgleichenden Fördermaßnahmen nicht schon ein Jahr früher stattgefunden haben.
Abgesehen davon werden mit Eingangstest anscheinend genauso viele Kinder „falsch nicht zurückgestellt“ wie ohne Test… ohne Test fallen allerdings die „falsch zurückgestellten“ Kinder weg.

Noch unangenehmer wird es bei der Diagnostik von Lernbehinderungen – vor allem in Hinsicht auf die Folgen für die der Sonderschule zugewiesenen Kinder:
„Lernbehinderung“ ist kein einheitlich definierter Begriff. Nicht zuletzt aus diesem Grund werden wohl auch regional unterschiedliche Diagnose-Verfahren eingesetzt, die zu entsprechend unterschiedlichen Ergebnissen führen.
Zudem wird die Schwelle zwischen „noch Hauptschule“ und „schon Sonderschule“ recht willkürlich gesetzt, so dass ein „intelligenter Sonderschüler hier“ tatsächlich intelligenter sein kann als ein „unintelligenter Hauptschüler da“. Blöderweise hat der intelligente Sonderschüler aber kaum Aussicht auf einen „Aufstieg“ innerhalb des Schulsystems.

Übrigens können nur intelligente Kinder Teilleistungsstörungen wie Dyskalkulie oder Legasthenie haben – zumindest dann, wenn Teilleistungsstörungen im Unterschied von einzelnen Leistungen zur Gesamtintelligenz gemessen werden.
Bei insgesamt weniger intelligenten Kindern fallen eben diese Unterschiede geringer aus und die Dyskalkulie verschwindet im Gesamtbild.
Außerdem gilt: Je älter der Intelligenztest, mit dem die Gesamtleistung erfasst wird, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer Teilleistungsstörung. Nicht neu normierte Test lassen nämlich den Flynn-Effekt außen vor, der darauf hinweist, dass die in Intelligenztests erfasste Intelligenz von Generation zu Generation kontinuierlich steigt.  Da besagte Teilleistungen nicht vom Flynn-Effekt betroffen sind, wirkt natürlich bei nicht aktualisierten Tests der Unterschied zwischen Gesamt- und Teilleistung zunehmend größer. Das mag für die (eigentlich) weniger intelligenten „Teilleistungsgestörten“ von Vorteil sein, macht aber aus manchem teilleistungsnormalen Kind einen Legastheniker…

Wenn man abschließend noch einen Blick darauf wirft, wer mit welcher (nie aktualisierter) Qualifikation von welchen Interessen geleitet welchen (veralteten) Test durchführt und damit Schullaufbahnen und Lebenswege beeinflusst… ohweh.

Und auch die gut gemeinte Anpassung „ungeeigneter“ Tests an die Besonderheiten der Kinder auf Basis langjähriger Praxiserfahrung trägt leider nicht wirklich zu einer vertrauenswürdigen Diagnostik bei…

 

Kann irgendjemand sich vielleicht positiv zu dem Thema äußern?

 

 

 

 

 

 

Literatur:

Wilhelm, O., Kunina, O. (2009). Pädagogisch-psychologische Diagnostik. In E. Wild & J. Möller (Hrsg.), Einführung in die Pädagogische Psychologie (S. 307-332). Springer, Heidelberg.

Asendorpf, JB (2009). Persönlichkeitspsychologie - für Bachelor. Heidelberg: Springer.

Kelle, Helga (2011). Schuleingangsuntersuchungen im Spannungsfeld von Individualdiagnostik und Epidemiologie. Eine Praxisanalyse. in: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung Heft 3-2011 (S. 247-262)

edit: hier noch ein Link zu einer Testübersicht/Entwicklungsdiagnostik

Bilder: morgueFile, Free License
Tafel: phaewilk
Tisch: aron123


10. November 2011
von ponyq
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Denken braucht Regeln – und Zeit.

Ein Video-Interview zum Thema “Denken” mit Mario Pricken (Idea Management Lab) – eigentlich wohl als Anregung für Designer gedacht, aber auch bezogen auf andere Bereiche sehr ergiebig:

Laut denken ? Klingt komisch – macht aber durchaus Sinn:
Unser Denken wird beobacht- und nachvollziehbar – nicht nur für andere, sondern auch für uns selbst. Und das ist gut so. Denn wir denken eigentlich immer – und wissen trotzdem selten, wie wir das tun.

Wenn wir aber unsere „Denk-Grenzen“ kennen, können wir uns in ihnen freier bewegen, sie auch mal wohl durchdacht überschreiten, sie gezielt erweitern oder überwinden.

Wenn wir unsere unbewussten „Denk-Regeln“ aufdecken, können wir diese Regeln bewusst anwenden, manche vielleicht auch als „überholt“ und uneffizient erkennen, Regel-Änderungen ausprobieren,  neue Regeln (er-)finden, wir können z.B. unterschiedliche Denkoperationen kombinieren, Denkrichtungen wechseln, Gedanken visualisieren usw.

Daher unbedingt empfehlenswert: Querdenken als mutiges Brechen mit „gängigen Gedanken“ – als Basis zum Neusortieren, Neuentwicklen, Weiterentwickeln.

Bedenkenswert:
Denken ist eine wichtige Ressource (die wichtigste Ressource?) -  und diese Ressocurce muss sinnvoll gefördert und gefordert werden. Wir brauche also ein gutes „Denkmanagenment“.

Ein aktuelles Denkproblem – sicher nicht nur im Bereich „Design“ sondern z.B. auch in unserem derzeitigen Bildungssystem (G8, Bologna…):

“Denken braucht Zeit” , denn
“Denken ist ein Prozess. Und ein Prozess braucht Zeit.”
Und: “Wenn ich diese Zeit nicht gebe, muss ich das kompensieren durch weniger Denken.“

DENKEN | Interview mit Mario Pricken, Idea Management Lab from Florian Geiger on Vimeo.

Interview mit Mario Pricken,
Idea Management Lab, (http://www.mariopricken.com)
für Dmig8 »Denken«, (http://designmadeingermany.de/)

Interview: Florian Geiger

Post-Produktion: Martin M. Rosskopf, (http://www.martinrosskopf.com)

Kamera: Alexander Weiß

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